Die Gewalt, sagt Doña Librada – Literarische Reportage aus Guapi

SerieGuapi

Guapi, Tag 1

Jeder hier hat eine Geschichte, hat seine Geschichte und dazu tausend andere zu erzählen, hat den Tod gesehen, sein fahles, eingefallenes, nickendes Antlitz, die Angst gespürt, ihre kalte, klebrige Hand auf der nackten, auf der zuckenden Haut. Die Gewalt ist überall und überall und überall, unter den Tischdecken, zwischen den Spinnweben, in den Staubresten der Zimmerecken, den Wasserlachen vor den Regentonnen. Sie ist ein Messer, schneidet sich ihnen tief in die Haut, hinterlässt Wunden, die zu Narben werden, die zu Spuren werden, die zu Erinnerungen werden, die immer wieder aufplatzen, denen immer wieder neue folgen. Sie leben seit Jahrzehnten auf diesem Messer, laufen Tag für Tag darauf, haben sich an ihre blutigen Füße gewöhnt. Aber wir sind hier, sagen sie. Wir sind hier. Und lächeln.

Doña Librada lebt mit ihrer Tante Uroma Camila, ihrer Tochter Lorena, ihrem neuen Mann, dem Sohn ihrer Schwester und Lucero, einem 6jährigen Mädchen, dass sie gefunden haben,wie sie sagen, unter einem Dach. Normalerweise leben noch drei andere Kinder hier, aber sie sind in Cali, beim Rest der Familie. Der Rest der Familie ist geflohen, sie kommen nicht mehr zurück. Vier Generationen unter einem Dach, die Väter fehlen. Ich frage nicht, wo sie sind. Ich will lieber mit ihnen lachen, gerade, oder ihnen beim Lachen zuschauen. Ihnen beim Leben zuschauen, anstatt in Erinnerungen nach Wunden zu suchen. Eine Frucht wie ein Stein, fast schwarz. Sie kochen sie und stampfen einen Sud aus ihr. Eine Frucht wie ein Stein. Sie löffeln sie aus, bis zum letzten Rest. Von überall kommt Musik, alle sitzen sie vor ihren Häusern, die Kinder lachend, tanzend, spielend auf den Straßen.

Aber hier sind wir, sagt Eilver. Hier weiß ich mittlerweile, wie ich mich verteidigen kann, hier habe ich meine Freunde, hier weiß ich, zu wem ich was sage. In Buenaventura ist das anders, in Buenaventura haben sie letzten Monat seinen Cousin ermordet. Er ging über die falsche Kreuzung, in die falsche Tienda. Hat eine unsichtbare Grenze überquert. Jetzt ist er tot. Er erzählt es ohne eine Regung. Die Wunden, die zu Narben werden, die zu Spuren werden, die zu Erinnerungen werden. Es geht schneller. Es geht jedes Mal ein bisschen schneller. Man lernt weiterzumachen, immer weiterzumachen. Aber hier sind wir, sagt Eilver. Sein Vater ist nicht hier, die FARC haben ihn erschossen. Einfach so, sagt Eilver. Er hat sich mit den falschen Leuten unterhalten. Zu lange. Mit einem Drogenboten der Paramilitärs. Und dann hatte er eine Kugel im Kopf. Sie haben sich entschuldigt, sagt Eilver, einfach so. Danach ist er mit dem Rest seiner Familie geflohen. Nach Guapi, dem Ort, in dem jeder seine Geschichte hat, und tausend andere zu erzählen, so dass sich niemand mehr wichtig nimmt mit seinen Wunden, so dass jeder nur noch weitermacht. Immer weiter macht, einfach so.

Lucero sagt Mama zu Doña Librada, aber sie ist nicht ihre Tochter. Meine Mama wohnt nicht hier, sagt sie auch, meine Mama kommt bald. Wir leben in schlechten Verhältnissen, sagt Doña Librada, aber ihnen geht es noch schlechter. Mal, sagt sie, muy mal. Wir haben sie gefunden, sagt sie auch, und: Gewalt, dort am Strand. Viel Gewalt. Sie sind geblieben und Lucero ist hier bei Librada. Mama, sagt sie.

Die Klagen. Der Mann neben mir riecht nach Schnaps. „Si, señor“, sagt er nach jedem Satz seines Kollegen Elver. Auch er mit glasigen Augen. Sie kommen spät. „Si, señor, genau so ist es“. Ja, genau so ist es. Keine Garantien, keine Reparationen, keine Hilfe. Si, señor, genau so ist es. Kein gar nichts. Seit 10 Jahren. Weiter warten, weiter trinken, weiter warten, weiter schimpfen, weiter warten, weiter trinken, weiter warten. Weiter: genau so ist es. Genau so bleibt es. Si, señor.

Alvaro will jetzt endlich seine Garantien. Wenn nicht jetzt, wann dann, sagt er, jetzt müssen wir zusammenarbeiten, jetzt müssen wir Druck auf den Staat ausüben, alle Lider der Gemeinden, jetzt müssen wir zusammen halten. Wir gehen erst zurück, wenn sie uns Sicherheit garantieren, wenn sie uns Gesundheit garantieren, wenn sie uns Bildung garantieren. Alvaro ist vor knapp zwei Monaten in Guapi angekommen, dort, wo sie lebten, kannten sie keinen Staat, kannten sie keine Grundrechte. Der Staat kam erst mit den Bomben, mit den Soldaten. Und jetzt kennen sie ihre Rechte, jetzt wollen sie ihre Rechte. Wenn nicht jetzt, wann dann, wir müssen an einem Strang ziehen. Es war immer ruhig, sagt er und dann kamen die Soldaten, mit Hubschraubern, sind geblieben, wieder gegangen, wieder gekommen. Und dann kamen die Flugzeuge, dann kamen die Bomben. Es war immer ruhig, sagt er, und: wir wollen Garantien, sagt er. Wenn nicht jetzt, wann dann. Ich will zurück, so schnell wie möglich, mein Haus zerfällt, unsere Tiere sind schon gestorben. Ich gehe nicht ohne Garantien, wir müssen jetzt zusammenhalten. Aber was wenn sie euch nichts garantieren?

Lucero hält ein Messer in der Hand. Ich würde es so gerne auf sie schmeißen, sagt sie, und deutet ihren Wurf auf eine Gruppe Jugendlicher an, ich würde sie so gerne ermorden. Sie zielt, sie zielt gut. Sie imitiert ihren Wurf, sie würde treffen, sie hält das Messer richtig. Warum?, frage ich sie. Sie gibt mir keine Antwort. Sie zeigt mir, wie man mit dem Messer die Fingerkuppen abschneidet, sie macht es an ihrer Hand vor, Fingerkuppe für Fingerkuppe. Sie ist präzise. Es blutet dann ganz viel, sagt sie. Sie ist präzise. Ist das jetzt zuviel Fantasie, zuviel Angst, zuviel Trauma, zuwenig Kindheit? Von irgendetwas ist es zuviel. Irgendetwas ist hier zuviel.

Die Gewalt, sagt Doña Librada, wenn sie mir nicht erklären will, was genau passiert ist. Die Gewalt, sagt Doña Librada. Warum sie nicht mehr im anderen Ortsteil Hühner züchten kann. Die Gewalt, sagt Doña Librada. Sie erzählt von dem einsamen, wunderschönen, Strand, an dem sie früher gelebt hat. Warum sie vor 10 Jahren fliehen musste? Die Gewalt, sagt Doña Librada. Wenn man in Ruhe leben könnte. Wenn man doch in Ruhe leben könnte. Die Gewalt, sagt Doña Librada, die Gewalt, sagt Doña Librada, die Gewalt, sagt Doña Librada.

Ich bin auch Flüchtling, erzählt Teofilio, und jetzt seit letztem Jahr hier. Er streicht und verputzt eine Wand bei Doña Librada, so schlägt er sich durch. Er spricht leise und noch leiser, als er FARC sagt. Er flüstert es, vielleicht sagt er es auch gar nicht, vielleicht bewegt er nur seinen Mund, und alle wissen was gemeint ist. Weitermachen sagt er auch. Möglichkeiten suchen. Und alle wissen, was gemeint ist.

Doña Teofilia ist viermal so breit, so groß, so stark, so mächtig wie alle anderen im Raum. Teo, nennt man sie hier. Sie fängt alles auf, federt alles ab. Alle kommen sie in ihr Haus. Wir sind Flüchtlinge, sagen die Frauen und packen an. Hier packt jeder an, hier geht es um Weitermachen. Um Möglichkeiten suchen. Tag für Tag. Hier sprechen sie es nicht nur aus, den Mund bewegend, es vielleicht gar nicht sagend, wie die Männer beim Treffen der Flüchtlinge. Hier muss man nicht mehr sagen, was man weiß. Sie machen gegenseitig Witze über den Umfang ihrer Hintern, als ein Stuhl bricht. Den größten hat Teo. Sie lacht immer lautesten. Ihre Haut ist das klarste, dunkelste, blaue Schwarz, negro azul. Sie redet von Hühnern, von Fischen, von Pflanzen, von der Kultur ihrer Vorfahren, von Naturmedizin, der Herstellung von Instrumenten, der Herstellung von Schiffen. Sie redet von ihren Frauen. Natürlich auch Männer, sagt sie, und lacht noch im selben Moment. Die anderen Frauen lachen mit ihr. Sie redet von Selbstversorgung, vom Fluss, vom Land, vom Wald, sie meint: Weitermachen. Sie meint: Möglichkeiten, doch muss dafür nicht ihren Mund nicht mehr bewegen.

Die einzigen Weißen hier sind die Soldaten. Sie sind so blass, fast nicht mehr weiß, fast durchsichtig zwischen ihrem schweren, tarn-grünen Helm, ihrer schusssicheren tarn-grünen Uniform, ihren schweren, schwarzen Stiefeln, ihren schweren, schwarzen Maschinengewehren. Einzig der Schweiß zeichnet die Konturen ihrer sonst unsichtbaren Gesichter, so blass, so weiß, zwischen all den Schwarzen unsichtbar. Keiner grüßt sie, keiner schaut sie an. An jeder Straßenecke steht eine Uniform ohne Gesicht, manchmal huschen ihre Augen ängstlich von einer Ecke zur Anderen. Sie gehören hier nicht hin, sie wollen hier nicht sein. Viele der Augen sind so jung, sie wollen nur erwachsen werden. Sie steigen zu zweit auf ein Motorrad, der Mitfahrer zieht seine Pistole aus dem Schaft, dem Finger am Abzug.

Der Ventilator ist auf voller Stärke und bläst mir einem halben Orkan ins Gesicht. Schüsse reißen mich aus dem Mittagsschlaf. Es müssen Schüsse sein, es ist in der Nähe, fast um die Ecke. Jetzt ist es soweit, denke ich. Jetzt greifen sie an. Wieder Schüsse. Jetzt antworten sie. Ich stehe auf, gehe die Treppen hinunter. Hast du Angst, fragt mich Lucero lachend. Es sind Feuerwerkskörper. Die Leute feiern mal wieder, sie lachen, sie umarmen sich. Auch 12 Stunden später noch, die Musik aus den Boxen des benachbarten, auf einigen wackligen Stelzen stehenden Holzverschlages. Nicht viel, kein fließend Wasser, aber die lautesten Boxen im Ort.

SerieGuapi-8

Guapi, Tag 2

Der Todeskampf. Es strampelt wild hin und her, sein Körper schlägt an die Wand. Pam, Pam, Pam. Es ist ein großes Huhn, die Schläge sind fest, es dauert lange, bis es keine Luft mehr hat, bis es nur noch baumelt, am Knoten um seinen Hals. Der Kopf schräg nach links abgeknickt, die gelben Füße nach rechts gespreizt. Es hängt, und baumelt langsam aus. Ich betrachte es aus der Dusche, während das eiskalte Wasser mich weckt. Pam Pam Pam. Jetzt ist es still, jetzt ist es vorbei.

Lucero starrt auf den fast nackten Hintern im Fernsehen, die Bewegungen der Arschbacken, rechts und links, kreisend, rechts und links, kreisend, von unten nach oben und alles noch einmal, viel schneller. Die Kamera fokussiert die Backen, die wabernde Haut, die wabernde Haut füllt den ganzen Bildschirm aus. Lucero starrt gebannt. Sie fängt an zu tanzen, vor und zurück, rechts und links. Für ihre 7 Jahre kann sie das erstaunlich gut. Sie lacht.

Warten. Geh nie alleine auf die Straße, sagen sie mir immer, geh nie alleine. Nein,auch nicht diese 100 Meter, geh nie alleine auf die Straße, sagen sie mir immer. Warten, dass jemand mit mir auf die Straße geht. Nein, nicht viel, nur diese 100 Meter. Hier kann dir nichts passieren, sagen sie mir immer, nein, das ist kein Problem, sagen sie mir. Hier bist du sicher, sagen sie, nein, hier ist es ruhig.

Elver hält wieder Reden. Er vergisst zu kauen, schluckt die Worte, schlingt die Worte roh, einfach so, wie sie sind. Batzen um Batzen um Brocken um Brocken würgt er sie hinunter, sein Hals zeichnet ihre Umrisse nach, die größeren Stücke, die Fetzen. Ein paar Phrasen bleiben hängen, er wiederholt sie gerne, wieder: Garantien, Reparationen, Hilfe. Garantien, Reparationen, Hilfe. Nichts. Vor allem: Nichts. Nichts haben sie, nichts kriegen sie. Nichts. Immer wieder dieses Nichts. Nichts ist das einzige Wort, dass er kaut. Ständig. Und wieder. Schon wieder: Nichts.

Nur Reis, sagen sie in der Casa de Cultura, der Flüchtlingsunterkunft im Ort, nur Reis und Linsen. Jeden Tag. Kein Wasser, sagen sie, nur Reis und Linsen, sagen sie. Sie schlafen nicht mehr hier, sagen sie, sie zahlen lieber von ihrem letzten Geld ein wenig Miete, um hier nicht eingepfercht zu sein, um ein bisschen besser zu warten. Auf: Garantien, Reparationen, Hilfe. Zum Essen kommen sie jeden Tag, dafür reicht das letzte Geld nicht mehr, deshalb wieder Reis und Linsen. Das Dach hat Löcher, es tropft. Unidad Victimas hat ein paar Säcke Essen geliefert, nicht nur Reis und Linsen. Manchmal helfen andere, sagen sie. Aber sonst: Nichts, sagen sie. Zurück gehen wollen sie nicht. Die Angst, die Angst wächst. Und jetzt wollen sie endlich zusammenhalten, sagen sie, jetzt wollen sie erst: Garantien, Reparationen, Hilfe. Aber was, wenn es beim Nichts bleibt?

Melli lebt mit ihren vier Kindern im zweiten Stockwerk. Die meisten der Anderen sind gegangen. 300 Soldaten kamen mit den Schiff und sind geblieben. 300. Auf der Straße, neben ihren Häusern. Früher war es immer ruhig, doch dann sind sie geblieben. Schüsse, jeden Tag zum Aufstehen, jeden Abend vor dem Einschlafen, Schüsse, Granaten, jede Nacht zum Aufwachen. Nur eine Familie ist geblieben, sagt sie, nur eine Familie. Wohin zurückgehen? Ihr Haus ist eingebrochen, in den Fluss gefallen, sie waren zu lange weg. Nichts, sagt sie, wir haben nichts mehr. Die Kinder lachen, spielen auf dem Steinboden. Die jugendlichen Söhne lächeln, die Tochter wäscht die Wäsche. Sie haben ihren Fernseher mitgenommen, sie sind hier seit fast einem Jahr.

Die Kinder und Jugendlichen springen von der Brücke ins Wasser, schwimmen unter ihren Häusern durch, am Nachmittag steigt das Wasser, die Holzverschläge stehen auf Stelzen im Fluss. Es ist heiß, die Sonne brennt. Sie haben sich kleine Flosse gebaut, schwimmen zu dritt, zu viert auf ihnen. Sie lachen, sie toben. Eine andere Gruppe verfolgt einen Jungen, schmeißt Steine auf ihn, sie lachen. Es ist heiß, die Sonne brennt. Die Frauen sitzen vor ihren Häusern, waschen die Wäsche im Fluss. Niemand ist alleine, alle sitzen mit ihren Familien, mit ihren Nachbarn, mit ihren Freunden. Alle reden, alle lachen, alle albern herum. Sie leben. Das Leben vibriert in ihnen, packt sie an ihren Haarwurzeln und zerrt sie erst durch den Schlamm, drückt ihre Gesichter, Nasenlöcher, Münder, tief hinein und schmeißt sie dann ins Wasser. Sie machen Saltos, jetzt waschen wir uns, lachen sie beim Salto. Das leben zerrt uns, drückt uns, schmeißt uns, aber wir leben, lachen sie beim Salto.

Die alte Lady in gelb sagt: Mir geht es gut. Wenn sie wieder kommen, mache ich Urlaub, sagt sie und lächelt. Die Lady in Gelb sagt: diese Gruppen. Sie schaut ständig zur Tür, ihre Augen schauen ständig zur Tür. Sie beugt sich nach vorne, so weit, dass sie fast mit ihren eigenen Knien spricht und flüstert: Paras. Sie haucht es, vielleicht sagt sie es auch gar nicht, vielleicht bewegt sie nur ihren Mund und alle wissen, wer gemeint ist. Jetzt sind sie weg, sagt sie und schaut zur Tür, schaut ständig zur Tür, spricht wieder leiser, beugt sich wieder zu ihren Knien. Jetzt sind sie weg. Mir geht es gut, sagt sie, ich lebe hier gerne, sagt sie. Seltsame Gestalten ziehen hier her, sie nehmen die Häuser am Waldrand. Sie sind weg, sagt sie,jetzt sind sie weg. Die Pistole an die Schläfen gedrückt. Abgedrückt. Die Pistole an den Schläfen vor dem Schlafen gehen, beim Aufwachen. Ständig war sie da, die Pistole an den Schläfen. Jede Minute, jede Sekunde, Atemzug, nein Angstzug, noch ein Atemzug, nein Angstzug, kein Zug mehr, Klopfen: jetzt die nackte, eiskalte Angst. Ein Jahr Urlaub, alles liegen lassen, alles zurücklassen. Mir geht es gut, jetzt sind sie weg. Jetzt ist nur noch die FARC hier. Sie sagt es leise. Sie sind hier. Aber mir geht es gut, wenn sie wiederkommen, gehe ich in den Urlaub, sagt die Lady in Gelb, zieht ihren Hut auf und lächelt. In den Urlaub, sagt sie und lächelt. Sie schaut zur Tür, sie schaut wieder zur Tür.

Laute Musik aus den Boxen der kleinen Restaurants am Fluss. Ein Blechverschlag, eine offene Küche, zwei Tische, vier Plastickstühle und eine große Box. Immer wieder tanzt jemand für ein paar Minuten, es gibt wenig Arbeit, aber viel Schnaps. Mittag ist wie Mitternacht, Zeit zum Tanzen. Niemand kann sich bei diesem Lärm unterhalten und doch reden alle. Es gibt Schrimps und kleingehackten Tintenfisch. Alles frisch aus dem Fluss, aus dem Meer. Dazu eine Fischsuppe, frisch aus dem Fluss, aus dem Meer. Es ist das Beste, was ich seit Wochen gegessen habe, denke ich mir auf meinem Plastickstuhl. Schmeckt es, Papi? fragt mich Mami. Es ist das Beste, was ich seit Wochen gegessen habe, Mami, sage ich Mami. Mami strahlt: ich hoffe du kommst morgen wieder, mi amor.

Sie spricht so leise, so gebrochen, ich verstehe ihren Namen nicht. Sie schaut aus der halbgeöffneten Tür ihres Holzverschlages, schaut an uns vorbei, schaut uns nie in die Augen, schaut hinaus, den ganzen Tag, auf das Grün, dort hinten, hinter den Häusern, dort, wo sie vielleicht irgendjemand holt, eine Tür aufgeht, dort hinten, am grünen Waldhorizont, eine Hand, dort ist ein Blick, den sie trifft, der sie trifft. Sie liegt auf dem Bauch. Sie kann nicht mehr laufen, hat Schmerzen. Sie kann nicht mehr rein und raus. Sie liegt auf dem Bauch in ihrem Holzverschlag und wartet. Wartet, dass die Schmerzen aufhören, wartet, dass das Warten aufhört. Was soll ich denn erzählen, sagt sie, ich habe alles vergessen, ich habe alles vergessen, ich weiß nicht mehr, wie mein Haus aussah, wie unser Strand aussah, ich weiß nicht mehr, was passiert ist,nein, ich habe alles vergessen. Der Schmerz ist ein Parasit, frisst sie von innen auf, sie kann nicht mehr lachen. Keiner kommt, sagt sie, keiner hilft, sie will die Türe nicht öffnen und sucht den Blick, den Blick, den sie trifft, der sie trifft. Ich und eine Verrückte leben hier. Ihre Tochter stillt ein Mädchen und bringt ihr Wasser.

Alle grüßen, alle geben mir ihre Telefonnummer, alle lachen mich an. „Wir sind deine Brüder“, sagen sie. „Mit uns musst du keine Angst hier haben, wenn dich jemand bedroht, bedroht er uns“, sagen sie. „ Wir sind deine Brüder“. Die Abendsonne stülpt den roten Mantel um die Schultern des Waldes, die Lippen der Palmen küssen den gehenden Himmel. Dann wissen wir: wieder Dunkelheit. Mitten im Paradies, mitten im Paradies. Wir haben hier alles, sagt Elver, wir sind so reich und doch so arm. Der Körper des Planeten, hier entsteht alles, was wir brauchen. Dioniosio schlägt seit ihrer Flucht sich und seine Familie mit dem Verkauf von Ananas durch. Heute sind mindestens 10 übrig gebliebenen, eine essen wir in Dionisios kleinem Holzraum. Wir sitzen an seiner Tür auf einem herausstehendem Brett, seine Frau, ihre zwei Töchter, ihre vier Enkel, alle sitzen sie in Dionisios Holzraum. Sie lachen. In großen Stücken reicht man uns die Ananas, nirgends schmeckt sie so wie hier, wissen wir alle.

Kokusnusseis auf der Treppe vor dem Haus. Hallo vecina, man umarmt sich, hält einen Plausch. Im Wohnzimmer läuft der Fernseher, der Fernseher läuft immer. Die ganze Familie schaut kolumbianisches Realitiy-TV, einen Team-Wettkampf in Indien. Das ist der Witz dabei, sagt Doña Librada. Ich verstehe ihn nicht. Hühnersuppe und Hühnerschlegel. Das beste Huhn, das ich seit Jahren gegessen habe, denke ich.

SerieGuapi-2

Guapi, Tag 3

Er riecht ihren Tod, hier hat man sie erhängt, hier war ihr Kampf, das letzte Zucken ihrer Füße. Er riecht ihr geronnenes, schon weggewischtes Blut, er spürt ihre Abwesenheit. Er schreit, er ist wütend, er schreit, kratzt an den Holzwänden. Er schreit die ganze Nacht, riecht noch den Tod, schreit die ganze Nacht. Keiner kann mehr schlafen, seine Schreie reißen einen immer wieder aus den Schlaf. Man sperrt ihn in einen Käfig und schließt die Türe, doch seine Schreie werden noch lauter, werden nur noch lauter. Keinen Schlaf mehr, keinen Schlaf, in dieser Nacht.

Warten, geh nie alleine auf die Straße, geh nie alleine auf die Straße. Warten, dass jemand mit mir auf die Straße geht. Vor ihren Häusern sitzen sie, reden herzlich miteinander, lachen. Die Kinder spielen auf der Straße, die Eltern laufen zur Tienda: Vecino, rufen sie, lächeln und winken. Geh nie alleine auf die Straße. Und ich sitze vor dem Haus, schaue der Straße zu, wie sie lacht, spielt, winkt und Witze reißt. Sie lockt mich, ich warte.

Die Finca auf dem Berg, die Kokusnussplantage. Mit der großen Machete haben sie sich durchs Dickicht geschlagen, den Weg frei zu ihrer Finca, ihre Kokusnüsse von den Bäumen geholt, sie aufgeschlagen, das Wasser getrunken, das weiße Fleisch gegessen. Die Machete liegt jetzt auf Doña Libradas Tisch in Guapi, doch benutzt wird sie nicht mehr, manchmal, um einem Huhn den Kopf abzuschlagen. Das Haus am Strand, die Kokusnussfinca oben, auf dem Berg, dort war es anders, sagt Doña Librada, dort war es anders. Über 10 Jahre sind es jetzt schon, die Zeit vergeht so schnell. Jetzt ist dort nichts mehr, die Häuser sind eingestürzt, die Felder verwildert. Niemand ist mehr da, niemand. Sie macht Kaffee und Spiegelei, sie spült das Geschirr und kehrt das Bad. Hast du meine Hühner schon gesehen, fragt sie.

Der Regen ist ein zu großer Mantel, er passt diesem Dorf nicht, er hüllt uns ein, er stillsteht uns. Tropfen für Tropfen tickt die Uhr an uns vorbei, das graue Licht, der umhüllte Himmel entsättigt die Farben, dämpft das Lachen, verlangsamt die Schritte, verschlammt die Wege, verlegt Termine, stillsteht uns. Tropfen für Tropfen die Rinne hinunter in unseren Trinkwassereimer, der Mantel nährt uns, innehält uns. Die Vorhänge, die Palmenwipfel, die Wäscheleinen im Wind, die Tropfen, das Glucksen, das Trommeln, die Schläge des Welldaches und doch: diese Stille, diese Ruhe, diese Kraft. Das Warten, das Zählen der Tropfen, das Zählen der Stunden, nur noch Blicke, nur noch Atem. Die Hühner flüchten ins Haus, Lucero, ruft Doña Librada und Lucero treibt sie wieder hinaus. Die Vorhänge im Wind, das graue Licht, der umhüllte Himmel, die weißen Plastickstühle. Der rosa Regenschirm. Sie winkt unter ihrem rosa Regenschirm.

Drei Jahre ist es jetzt schon her. Oder waren es vier? Sie kamen und wollten 40 Millionen Pesos. Doña Librada lacht, 40 Millionen Pesos, sie lacht lauter, soviel haben wir in unserem Leben noch nie gehabt, soviel werden wir nie haben. 40 Millionen Pesos. Sie kamen mit ihren Pistolen, sind einfach ins Haus. Wie heißt dein Mann, haben sie gefragt, wo arbeitet dein Mann, haben sie gefragt. Und dann gingen die Drohungen los. Und dann wurden die Drohungen immer mehr, von Tag zu Tag, immer mehr. Dann wurden die Männer mit den Pistolen auf den Straßen immer mehr, von Tag zu Tag, immer mehr. Wir sind gegangen, weg aus Guapi, für zwei Jahre nach Cali. Wieder vertrieben, wieder geflohen. Die ganze Familie, die meisten sind in Cali geblieben, ich bin jetzt seit einem Jahr wieder hier und versuche mir mit der Hühnerzucht etwas Neues aufzubauen. Es ist schwierig, sagt sie auch, aber wir leben, wir sind dankbar, es ist noch niemand gestorben. Wir leben, alle sind wir am Leben. Er lässt sie nicht los, der Parasit, er saugt immer weiter, saugt immer weiter, obwohl dort kein Blut mehr ist, nur noch dieser unbedingte Wille zu leben, dieser Wille weiterzumachen, weiterzulachen, weiterzukämpfen.

Tanz, ruft Ruben seinem Sohn zu und lacht: Tanz! Er rückt die Kamera nach links. Tanz! Der Junge tanzt, sie lachen. Der Junge tanzt und kämpft gleichzeitig, bewegt seine Hüfte, holt im nächsten Moment zum linken Haken aus, trifft die Luft dort, wo sie am empfindlichsten ist. Tanz, ruft sein Vater und lacht. Ja, ich will zurückkehren, sagt der Junge. Ja, ich will wieder nach Hause. Die Luftangriffe, sagt er leise. Sonst sagt er nichts mehr. Er kratzt mit seiner Hand die Wand der Casa Cultura auf, reißt ein Stück der Tapete hinaus. Sucht, wo die Luft am empfindlichsten ist.

Alvaro, seine Frau und ihre 6 Kinder wohnen jetzt hier in Guapi bei entfernten Verwandten. Es gibt vier Zimmer. Ruhe, sagt er. Wir lebten in Frieden. Fischen. Felder. Bergbau, Goldwaschen, mineria artesanal, sagt er. Tranquilidad, Ruhe, sagt er. Und dann: Chaos. Panik. Extrem. Stress. Krachen. Angst. Explosionen. Keiner hat die Nacht geschlafen, wer schläft, wenn Bomben fallen, in der Mitte des Krieges. Am Morgen, um 7 Uhr früh begannen sie von Neuem, noch stärker als in der Nacht, Helikopter, Flugzeuge. Chaos, Chaos, sagt er. Furchtbar, sagt er, und: furchtbare Angst. Zuviel Angst. Demasiado miedo. Mitten am Tag, direkt neben dem Dorf. Furchtbare Angst, sagt er, tremendo, arto. Die 28 Toten habe ich gesehen, sagt er. Ich weiß nicht, wie viele es sind, sagt er, furchtbar, sagt er. Wie soll man sich schon fühlen, wenn man das nicht kennt, wenn man noch nie eine Explosion gehört hat und auf einmal permanent. Chaos, Panik, sagt er. Tremendo, demasiado miedo. Direkt am nächsten Tag sind wir geflohen, sind wir alle aus Alto Guapi weg, heute vor 6 Wochen, sagt er.

Uroma legt den Kopf auf den Tisch, Uroma schnauft. Was weißt du über Medizin, fragt sie. Nichts, sage ich. Uroma schnauft und legt den Kopf auf den Tisch. Wie wenn du zuviel Aguardiente trinkst, sagt sie, und nicht mehr richtig laufen kannst, sagt sie auf ihrem weißen Plastickstuhl und legt wieder ihren Kopf auf den Tisch. Heute essen wir Fleisch und morgen vielleicht gar nichts, aber wir haben jeden Tag, sagt Doña Librada und schmeißt die blutigen Stücke mit ihren blutigen Fingern in den Topf. Jeden Tag, sagt Doña Librada und meint: jeden Tag.

Janner sagt: die bewaffneten Gruppen. Janner sagt: nein,heute bleibe ich zuhause, es ist sehr gefährlich nachts, es ist sehr gefährlich, heute bin ich lieber vorsichtig, manchmal spürt man den Druck. Gestern wurde ein Ladenbesitzer erschossen. Heute bleibe ich zuhause. Man muss einfach vorsichtig sein. Janner sagt: manchmal feiere ich auch, aber wir müssen es planen. Janner sagt: die bewaffneten Gruppen, dann sagt Janner: die Paras. Und: die Paras sind schlecht, sehr schlecht, sehr schlecht. Die Guerillas sind sozialer, freundlicher. Janner sagt: FC Barcelona und Lionel Messi, Janner sagt: Merengue und Salsa, Janner sagt: seit kurzem habe ich eine neue Freundin, Janner sagt: Guapi, Guapi, Guapi! Nein, hier will ich nie weg, sagt Janner.

Aus den Nachbarhäusern hört man entweder laute Musik oder Schreie. Sie schreien gerne, vor allem die Frauen. Eigentlich ständig. Und danach lachen sie. Manchmal schreien und lachen sie auch gleichzeitig. Aber lieber schreien. Wenn mich jemand hören will, muss ich schreien. Lauter sein, als die Anderen, wütender klingen, als die Anderen. Damit mich jemand hören will. Aber beim Schreien grinsen sie, aber jeder Angeschriene grinst zurück. Manchmal auch schreiend. Schreien und Grinsen. Die Verbrüderung, du ungleiches Paar, passt hier so gut zusammen.

Samstagabend, aus jedem Haus Musik auf voller Lautstärke, aus jedem Haus wird eine Disko. Nicht viel, kein fließend Wasser, aber die lautesten Boxen im Ort. Überall pulsiert die Nacht, schreit die Nacht, tanzt, taumelt die Nacht, lacht, leidet die Nacht, singt, siedet die Nacht. Zu gefährlich, sagt der 17jährige Janner, heute bin ich lieber vorsichtig, sagt er, manchmal spürt man, wenn etwas kommt. Die Bässe hämmern, die Rhythmen trippeln. Und dann ist alles schwarz. Ein gemeinsamer Schrei und dann: Stille. Dunkelheit. Der kalte Wind des noch frischen Regens. Von tausend Lichtern, tausend Lampen in die Dunkelheit. Fingerschnippsen. Auf einmal sind wir im Wald. Der Geruch der Gräser, der Bäume, das Quaken der Frösche, Zirpen der Grillen, Zwitschern der Vögel. Stille. Dunkelheit. Der kalte Wind des noch frischen Regens.

SerieGuapi-7

Guapi, Tag 4

Man braucht hier keinen Wecker. Jeden Tag zwischen 7 und 8 beginnen die Nachbarn laut Musik zu hören, Reggaeton, Bässe, Bachata, Salsa, Rhythmen, Trommeln, Trompeten. Die Musik schallt durch den ganzen Ort, sie ist der Hahn von Guapi, für jene, die sich an das Krähen der Hähne schon gewöhnt haben und davon nicht mehr wach werden. Der Lärmpegel ist permanent. Musik aus den Nachbarhäusern, aufgedrehte Fernseher, durch ihre Häuser schreiende Frauen, lachende Kinder, das Krähen der Hähne, Gackern der Hühner und: das Prasseln des Regens. Es regnet schon wieder.

Heute ist Sonntag, alle haben sich ihre schönen Kleider angezogen. Librada flechtet Lucero bunte Perlen in die Haare. Nein, das sind meine, ruft Uroma und lacht, versucht sich einige der Perlen für ihr Haar zu sichern. Die sind besonders hübsch, sagt sie. Sie trägt ihr schönstes Kleid, es sieht edel aus, zwei Stunden hat sie ihre Haare gekämmt. Zum Frühstück gibt es frittierten Fisch mit Kochbananen, heute ist Sonntag.

Ich gehe alleine auf die Straße, ich gehe in die Casa de Cultura, ich kenne den Weg, es sind nur fünf Minuten. Geh nie alleine auf die Straße, sagen sie mir. Ich blicke auf den Boden, nur nicht die Soldaten anschauen, ich laufe auf der anderen Straßenseite, ich blicke auf den Boden, nur nicht auf die Rufe eingehen, ich blicke auf den Boden, nur nicht die Blicke streifen. Die Gruppen sind hier überall, geh nicht alleine auf die Straße, sagen sie mir, sie müssen wissen, dass du mit uns hier bist, sagen sie mir.

Konntet ihr gestern schlafen, fragt Ruben in die Runde in der Casa Cultura. Nein, bis 3 Uhr Nachts habe ich kein Auge zugetan, antwortet Leandra, die Stille ist ihr Blick, ihr schwarzer, stiller, toter Blick. Kein Auge. Samstag. Diese Bässe, die ganze Nacht diese Bässe. Rumba, Rumba, die ganze Zeit, lacht Ruben und führt einen Tanz mit einer imaginären Partnerinn vor. Rumba, Rumba. Alle lachen.

Benito ist jetzt alleine. Sein oberes Gebiss fehlt ihm komplett. Er sagt: meinen Bruder haben sie ermordet, als sie 2002 zusammen mit dem Militär kamen. Er sagt: die bewaffneten Gruppen, los grupos, sagt er. Nach der Nachfrage leise: die Paras. Er flüstert es, vielleicht sagt er es auch gar nicht, vielleicht bewegt er nur seinen Mund, und alle wissen was gemeint ist. Seine Frau starb hier in Guapi. An Kummer, sagt er. Kummer. Wunden, die zu Narben werden, die zu Spuren werden, die zu Erinnerungen werden. Es war nicht ihr zuhause. Überleben, von Tag zu Tag. Arbeiten, wo sie Hilfe brauchen, rebusco. Seine Söhne heirateten, zogen aus. Nur ein Sohn blieb: der Stumme. Er half ihm bei der Arbeit, beim Überleben, rebusco, sagt er, von der Hand in den Mund, jeden Tag aufs Neue, sagt er. Bis sie auch seinen Sohn ermordeten, vor 5 Jahren. Nein, kein Grund, sagt er, einfach so. Die bewaffneten Gruppen, sagt er wieder. Und: Ja genau, die Paras, die Paras. Er schreibt mir seinen Namen und die Nummer seines Passes auf. Er sagt: wenn sich etwas ergibt, irgendeine Hilfe. Ich bin jetzt alleine, sagt er.

Ofelia lebt mit ihren drei Kindern. Mein Mann starb im Kreuzfeuer, Querschläger, sagt sie, kurz bevor wir flohen, sagt sie. 700 000 Pesos Hilfe bekomme ich im Jahr, wie soll ich davon Leben? Ich habe drei Kinder. Ich stehe jeden Morgen um 6 Uhr auf und laufe 14 Stunden durch die Viertel um Platanos zu verkaufen. Ich kann nicht mehr, sagt sie auch, ich kann nicht mehr. 700 000 Pesos im Jahr, wie soll ich davon Leben? Zurückkehren? Nein, unmöglich. Ihr Antrag auf ein neues Haus wurde abgelehnt in Guapi, sie solle es woanders beantragen, hat man ihr gesagt. Aber wo hat man ihr nicht gesagt. Sie schreibt mir ihren Namen und die Nummer ihres Passes auf. Sie sagt: wenn du irgendwie helfen kannst. Ich kann nicht mehr, sagt sie.

Eugenia hat keine Nase mehr. Die Stelle, wo einst ihr Nase war, ist jetzt einfach platt, flach, die Augen laufen direkt weiter zum Mund, keine Wölbung, kein Nichts, nur eine kleine Nasenspitze, deplatziert, kurz bevor der Mund beginnt, steht sie ab, aus dem flachen Nichts. Mit dem Gewehrkolben, sagt sie. Wieder und wieder und wieder, sagt sie. Mit dem Gewehr. Nein, nie, keine Hilfen nach der Flucht. Nada, nada, nada. Nie, kein garnichts, sagt sie. Nada, nada, nada. Ich habe drei Töchter, wir haben kein Geld. Meine eine Tochter ist krank, sehr krank, wir haben kein Geld für einen Arzt. Sie schreibt mir ihren Namen und die Nummer ihres Passes auf. Sie sagt: meine Tochter müsste studieren, sie müsste es hier herausschaffen. Kannst du dabei helfen, fragt sie?

Valeria hat immer Tränen in den Augen, wenn sie erzählt. Das Geld für die Hilfe schicken sie immer in die andere Stadt, sagt sie. Zwei Tage Reise, wie sollen wir dorthin kommen, ohne Geld? Mein Vater war sehr krank, sehr krank, aber wir hatten kein Geld für einen Arzt, er starb auf dem Schiff, auf dem Weg nach Popayan, um das Geld für seine Behandlung zu abzuholen. Er starb, sagt sie. Wir haben hier nichts, sagt sie auch, wir haben hier nichts mehr, sagt sie. Zurückkehren? Sie sind doch immer noch da. Es ist doch immer noch genauso. Die bewaffneten Gruppen, sagt sie, das Militär, sagt sie, die Bomben, sagt sie. Sie schreibt mir ihren Namen und die Nummer ihres Passes auf. Sie sagt: wenn du uns unterstützen kannst, wir sind jetzt alleine, ich und meine Mutter.

Dionisio sagt: Na gut. Und holt tief Luft. Ich bin im Jahr 2006 geflohen, die Paras und das Militär kamen gleichzeitig, sagt er, davor war es ruhig. Er sagt: Ruhe. Danach: die Hölle. Die Hölle, sagt er. Die Hölle. Infierno, Infierno. Beim ersten Mal gab es 200 000 Pesos pro Familienmitglied als Überlebenshilfe. Doch beim nächsten Mal nur noch 70 000. Und von einem Tag auf den anderen: Nichts. Sie ändern die Telefonnummern. Warteschleifen. Computerstimmen. Nada, nada, nada. Nein. Nie wieder, kein Garnichts, sagt er. Kein Hilfen, keine Umsiedlung, nada, nada, nada. Von der Hand in den Mund, sagt er, rebusco, von Tag zu Tag. Überleben, irgendwie überleben. Immer noch irgendwie überleben. Mit meinen Ananas, sie schmecken nirgendwo so wie hier, das weiß jeder. Wir alle nicken. Er schreibt mir seinen Namen und seine Telefonnummer auf. Wenn du mal Ananas brauchst, sagt er, komme ich vorbei. Jeder Kauf hilft mir.

Dann reden alle durcheinander. Wir sitzen im Stuhlkreis, doch es sprechen mindestens fünf Gruppen parallel. Keine Hilfen, keine Garantien, keine Umsiedlung, keine Rückkehr. Nada, nada, nada, sagen sie, nichts, kein Garnichts. Rebusco, sagen sie, Tag für Tag, sagen sie, von der Hand in den Mund. Der Staat, die Gemeinde, sagen sie. Nada, nada, nada. Alles schon tausendmal gesagt, tausendmal: nada, nada, nada. Immer noch: nada, nada, nada. Immer noch immer das Selbe. Immer noch keinen Schritt. Nach ein paar Stunden wird es keine Entscheidung geben, wurde kein Schritt gemacht. Sie schreiben mir ihre Namen auf und sagen: wenn du mich unterstützen kannst, wir haben nichts. Elver hält wieder Reden, unterbricht sie. Er hört sich lieber selbst reden. Er sagt: der Staat, Bogotá, Ich. Er sagt: Geld für die Reise. Er sagt: ich mache das alles für euch, niemand bezahlt mich. Von diesen Organisationen gibt es zwei andere in Guapi, die genauso gut organisiert sind. Sie sagen auch alle: nada, nada, nada. Und: immer noch. Und: der Staat, die Gemeinde, keine Hilfen. Und: wir haben nichts. Untereinander streiten sie. Alle sagen sie über die Anderen: Egoismus, Korruption, schlechte Arbeit. Und alle sagen sie: nada, nada, nada.

Der Fisch frisch vom Markt, frisch aus dem Fluss. Er zergeht auf der Zunge, alle Geschmacksnerven vibrieren, saugen ihn auf. Teo ist die beste Köchin von Guapi, jeden Tag kommen etliche ihrer Frauen in ihr Haus, zum Essen, zum Quatschen, zum Lachen, zum Weitermachen. Immer weitermachen. Sie denken, dass alles vom Staat kommen muss. Desplazados und dann kommt alles immer vom Staat. Sie warten und leiden, sagt Doña Teo. Nichts kommt vom Staat, nie kommt irgendetwas vom Staat. Wir müssen uns organisieren, wir müssen uns selbst helfen. Nein, ich mag die anderen Organisationen nicht, sagt sie. Korruption, sagt sie. Egoismus, sagt sie. Falsche Ansätze, sagt sie.

Alvaro hat seine Meinung geändert. Er diskutiert mit den Anderen, jeden Tag. Vielleicht kehren wir nächste Woche zurück. Vielleicht noch rechtzeitig bevor alles verloren ist. Die Angst und die Hoffnung, sie kämpfen miteinander, sie liegen auf dem Boden, beide mit blutigen Gesichtern, zertrümmerten Nasen, zugeschwollenen Augen. Ich kann nichts sehen, ruft die Angst, ich kann nichts riechen, ruft die Hoffnung. No, amigo, sagt Alvaro. Nein, so können wir nicht zurück. No amigo, wir müssen, sagt sein amigo.

Ich mag die Organisationen nicht, sagt Doña Librada. Es passiert nie irgendetwas. Ich glaube nicht daran, alle streiten sich nur. Ich habe doch meine eigene Organisation, die Fundación mit den anderen Frauen, die Hühnerzucht. Jedes kleinste Dorf hat einen Lider Communitario. Fühlst du dich von deinem vertreten? Nein, sagt sie. Sie wollen alle Lider sein, sie streiten sich doch nur. Uroma hustet. Uroma legt den Kopf auf den Tisch. Sie sagen: die Regenzeit ist seit einem Monat vorbei. Seit Jahren regnet es, der graue Mantel ist zu groß für diesen Ort, er hüllt ihn ein, er stillsteht ihn. Tropfen für Tropfen tickt die Zeit an ihm vorbei, das graue Licht, der umhüllte Himmel entsättigt das Leben, dämpft die Hoffnung, verlangsamt die Idee, verschlammt die Wege, verlegt Erfolge, stillsteht ihn. Stillsteht die ganze Region.

Abendessen in der Casa de Cultura. Der Raum ist fast komplett dunkel, das Licht geht wieder nicht. Trockener Reis mit trockenen Nudeln. Zusammengemischt. Wie fast jeden Abend. Immerhin Essen, immerhin Überleben. Sie bringen uns nicht viel Anderes, sagt Cecundina, wir haben nichts. Sie essen gemeinsam aus Plastikschüsseln. Die meisten sind schon lange gegangen, zahlen Miete, kaufen sich Essen, sind bei Freunden, Bekannten oder der Familie untergekommen. Nur wer nichts hat, nirgendwohin kann, ist hier geblieben, in diesem dunklen Raum in der Casa de Cultura. Ruben mit seiner Frau und seinen sieben Kindern, Leandra mit ihrer Familie, ihren acht Kindern und vier Enkelkindern, Melly im zweiten Stock mit ihren drei Töchtern und zwei Söhnen. Viele sind nicht geblieben, viel ist nicht zu tun.

SerieGuapi-3

Guapi, Tag 5

Es ist heiß. Die Jugendlichen sitzen neben ihren übergroßen Boxen. Sie haben sie so laut aufgedreht, dass die Hälfte der Musik unkenntlich verzerrt ist. Es ist 8 Uhr morgens, sie reichen sich kleine Schnapsplastikbecher und trinken Aguardiente. Heute ist Feiertag, hier nimmt man das wörtlich. Aber eigentlich ist es für viele jeden Tag so, sonst ist nicht viel zu tun. Zwei Mädchen sind auch da, ab und an tanzen sie ein wenig. Sonst sitzen sie und schweigen, neben den übergroßen Boxen, hören den kratzenden Liedern zu. Es ist sowieso viel zu laut, um zu sprechen. Viel ist nicht zu tun.

Doña Teo hat die Leute von Alto Guapi zu einer Versammlung in der Casa de Cultura bestellt. Sie erzählt eine Geschichte mit einer Ratte, einer Kuh, einem Hund und einem anderen Tier, dass ich vergessen habe. Alle sterben. Teo erzählt die Geschichte noch einmal, alle leben. Alle machen jetzt irgendetwas gemeinsam. Alle nicken. Viele waren gestern da, haben Elvers Reden gehört, jetzt sind sie hier, hören Teos Reden. Aber sie sagt: organisiert euch und nicht: Ich. Sie sagt: kultivieren, verkaufen, Kultur, Geschäft, zusammen und nicht: der Staat. Die Tür geht immer wieder auf, der Strom fällt immer wieder aus. Trotzdem existiert nach einigen Stunden ein Name für eine neue Organisation und, auf dem Papier, eine neue Organisation. Die Organisation der Desplazados und Víctimas von Alto Guapi. Wie viele Organisationen kommen noch? Keiner traut der anderen Organisation. Korruption, sagen sie. Egoismus, sagen sie. Falsche Ansätze, sagen sie. Wir haben jetzt unsere eigene Organisation, sagen die Leute von Alto Guapi.

Leandra zeigt mir die Kugel, die noch in ihrer Hand steckt. Dann zeigt sie mir die Kugel, die noch in ihrem Arm steckt. Dann zeigt sie mir die Kugel, die noch in ihrem Bauch steckt. Seit einem Jahr lebt sie jetzt auf einer dünnen, schwarzen Matratze im Gemeinschaftsraum der Casa Cultura. Jeden morgen kommen die Anderen, um zu essen, um zu diskutieren, Besprechungen abzuhalten. Jetzt steht Teo in ihrem Wohnzimmer und sagt: Gemeinsam. Einen Traum? Nein, ich habe keinen Traum mehr, sagt Leandra. Nur nicht zurückkehren, nein, niemals zurückkehren. Sie sagt: die Gewalt. Sie sagt: die Gruppen. Sie spricht nichts aus, sie nickt, als ich FARC sage. Ihre Augen sind leer, manchmal ertappt man sie beim Versuch zu lächeln, doch ihre Mundwinkel bewegen sich nicht, manchmal will sie sprechen, doch vergisst es noch im gleichen Moment. Sprechen oder schweigen, es macht keinen großen Unterschied. Offene Augen, ohne etwas zu sehen, offene Wunden, ohne ein Herz, dass sie noch schließen kann. Nein, ich habe keinen Traum mehr, sagt Leandra. Ihre Stimmlage ändert sich nie, eine schweigende Sprache, die Stille durchdringt jeden Satz, die Stille schluckt jedes Wort, jede Silbe, die Stille krabbelt ihr den Rücken hoch, über den Kopf, über das Gesicht, die Stille kaut ihr die Augen auf, das Blut rinnt die Backen hinunter, die Stille ist ihr Blick, ihr schwarzer, stiller, toter Blick. Ihr Blick ändert sich nie. Nie.

Nimm die Machete und hack die Schale vom Stein ab, zerhacke den Stein, schlage so lange auf ihn ein, bis du auf die weichen Stellen stößt. Siehst du es? Dort ist Wasser. Dort ist Wasser, wenn du den Stein teilst. Es ist das süßeste Wasser, dass du je getrunken hast, es ist das Wasser des Lebens. Nimm die Machete und zerhacke den Stein, schlage so lange auf ihn ein, bis du auf die weichen Stellen stößt. Ja, wir trinken das Wasser des Steines. Wir trinken das Wasser des Steines.

Der Junge liegt auf der Matratze in seinem Wohnzimmer. Er versucht zu schlafen, er ist erschöpft, es ist heiß. Viel zu heiß. Sein – Shirt hat er sich bis zum Hals hochgekrempelt, er liegt auf seinem nackten Bauch. Seine Augen presst er fest zusammen, sie sollen denken, dass er schläft, er will sie nicht sehen, er will nicht, dass sie ihn sehen, wenn er die Augen zusammenpresst, sehen sie ihn nicht, nein, wenn er die Augen schließt, kann ihn niemand sehen, wenn er nicht atmet, kann ihn niemand hören. Atme so leise wie möglich und sie können dich nicht hören, sagt er sich, halte die Augen geschlossen und atme so leise wie möglich und du bist gar nicht hier, du bist gar nicht hier, sagt er sich. Hundert Füße trampeln durch sein Wohnzimmer, keiner hat die Schuhe ausgezogen, alle reden sie laut durcheinander in seinem Wohnzimmer, keiner nimmt Rücksicht, obwohl er doch schläft, in seinem Wohnzimmer, keiner versucht einen Bogen um seine Matratze zu laufen, sie treten fast darauf, hundert Füße trampeln durch sein Wohnzimmer, hundert Stimmen reden in seinem Schlaf durcheinander, niemanden hat er eingeladen, in sein Wohnzimmer. Es ist heiß, viel zu heiß, er ist erschöpft. Er versucht zu schlafen. Du bist gar nicht hier, sagt er sich.

Wie kann das italienische Essen besser sein, als das kolumbianische, fragt Melli. Sie kann es nicht glauben. Nein, keine Küche ist besser als unsere. Heute essen sie gegrillten Fisch und blanken Reis. Nein, nirgends in der Welt ist das Essen besser als hier, sagt sie. Immer bieten sie mir an mitzuessen, bieten mir einen Saft an, alles, was sie haben, wollen sie noch mit mir teilen. Wie ist es in Russland? Sie kann sich nicht merken, dass ich aus Deutschland komme. Sie wollen alles wissen. Nein, wir sind froh, dass wir in Kolumbien sind, sagen sie, wir wollen hier nicht weg, sagen sie. Niemals.

Alvaro hat nur noch Zeit für kurze Telefonate. Gut geht es, gracias a dios, sagt er. Ja, Ergebnisse habe es gegeben. Jetzt haben sie wieder eine Versammlung, am Montag die nächste, am Mittwoch die nächste. Ja, gut sei es gewesen. Es geht voran. Es geht voran, sagt er. Alvaro ist klug, aufgeweckt, er kann gut reden. Viele der Anderen verstehen gar nicht, um was es genau geht in den Versammlungen, aber Alvaro will es nun erreichen, alles, die Rechte, die solang nicht bekannten Rechte. Er fühlt sich wohl mit seinen neuen Rechten, seiner neuen Rolle als Sprecher seiner Gemeinde, als Bauer hatte er wenig Platz für seinen Kopf. Doch natürlich will ich zurück, sagt er, aber ich werde dann alle paar Wochen wieder hier nach Guapi reisen, um an den Prozessen zu arbeiten. Wie er das bezahlen will, sagt er nicht. Noch ist er mit einer Hälfte bei der Landwirtschaft, beim Goldschöpfen, aber die andere Hälfte gehört schon hierhin.

Caspar, Lider einer anderen Häusenansammlung aus Alto Guapi hilft in der Tienda von Freunden aus. Nein, wir wissen nicht, wann wir zurückkönnen. Er weiß auch gar nicht, ob er wirklich zurückwill. Dort haben wir keine Zukunft, sagt er, dort ist nichts. Aber er wird sicher erst einmal zurückgehen, seine Mutter ist alt, sie kann sich nicht vorstellen irgendwo anders zu leben. Ich kann sie nicht alleine lassen, sagt er. Aber dann, will ich dort nicht mehr leben. Er gehört schon hierhin.

Eilver gibt Marimbastunden, ja genau, jetzt hast du es, sagt er und wippt mit. Seine Schülerin streift die Marimba sanft und ungeschickt. Elver ist auch da, langweilt sich, er schaut auf sein Handy. Nein, dass du alleine dorthin bist, war vielleicht nicht so klug, sagen sie. Man kann nie wissen. Die FARC ist hier überall, alle Gruppen sind hier, man kann nie wissen, wer infiltriert ist. Und: aber mach dir keine Sorgen, hier bist du sicher, hier ist alles ruhig. Rumba, sagt Elver und Bier. Rumba und Bier, sagt auch Eilver. Wir gehen in die Bar, dort sind die chicas malas, sagen sie, die wissen wie man tanzt, sagen sie. Das Tanzen lernst du von ganz alleine, sagen sie und lachen. Ruh dich aus und morgen Rumba und Bier, sagen sie.

Sie haben gesagt: Hey süße, du bist nicht schlecht und mir auf den Arsch geklatscht, erzählt Doña Librada und lacht. Hey süße!!, sagt sie zu ihrem Mann und lacht noch lauter. Ihr Mann lacht nicht. Wir lachen alle nicht. Ein Massaker, erzählt sie auch, sie haben sieben Bewohner des Nachbardorfes zerstückelt. Nein, es war nicht in meinem Dorf, ein bisschen den Berg hoch, aber es waren die selben Leute, sie wohnten bei uns im Dorf. Hey Süße. Und Hände am Arsch. Wieder Hände am Arsch. Wieder klopfen an der Tür. Wieder Waffen in der Hand. Wieder die selben Leute. Zurückgehen? Nein. Dort ist nichts mehr, dort ist nichts mehr. Nada, nada, nada.

Die Leute sagen, die FARC beschütze sie jetzt, erzählt Maestro, Libradas Mann. Wenn einer stiehlt, warnen sie ihn einmal, warnen sie ihn ein erstes Mal, ein zweites Mal und dann töten sie ihn. Die Leute fühlen sich beschützt, sagt Maestro. Sie sind freundlich dort, die FARC, tranquillos, sagt er. Wenn die FARC weg ist, beschützt sie niemand mehr und all die Arbeitslosen schließen sich den Bandas Criminales an, der Staat wird nicht kommen, niemand wird kommen. Natürlich passiert das, keiner hat Arbeit, sie haben nichts zu tun. Wenn sie arbeiten, kommen sie gar nicht auf diese Ideen, sagt er. Und: Ja natürlich, sagt er. Wenn du die FARC nicht unterstützt, dann passiert das, ja, sagt er, dann passiert das mit der Kugel in der Hand, ja, dann fliehen die Leute.

Librada, Uroma und Lorena reden eigentlich immer schreiend miteinander. Sie waschen die Wäschen, kochen nebenbei, wischen die Treppe. Librada arbeitet sieben Tage die Woche, fünf Tage vom Morgens bis Abends im Büro, nebenbei versucht sie ihre Hühnerzucht aufzuziehen und jeden freien Tag kocht sie, putzt und wäscht. Alle schreien sich an, der Fernseher läuft auf voller Lautstärke, Casos Cerrados, kolumbianische Realitity TV, Familienprobleme werden diskutiert, auch sie schreien sich an, auf voller Lautstärke, nur ein bisschen aggressiver, als Librada, Uroma und Lorena. Librada, Uroma und Lorena lachen dabei, unterbrechen ihre geschrieene Unterhaltung immer wieder durch hohes Kichern und lautes Lachen. Alles hier ist laut. Immer. Laut.

Unter der Woche ist es in der Nacht still, nach 12 Uhr ist es still. Die Grillen, das Zirpen des Waldes, das Rauschen der Blätter. Uromas Keuchen, Uromas schleimiger Husten, Uromas Stöhnen. Die Zimmer sind mit kleinen Holzwänden abgetrennt, sie gehen nicht bis zur Decke. Uromas Keuchen, Uromas schleimiger Husten, Uromas Stöhnen. Was weißt du über Medizin, fragt sie.

SerieGuapi-6

Guapi, Tag 6

Und jetzt dann doch Weltuntergang. Trommel uns zu Tode in deinem crescendierenden Rhythmus.  Gleich kommt es, der Himmel schreit noch einmal, der Himmel zuckt noch einmal, der Himmel ist ein letztes, jauchzendes, wimmerndes, übersättigtes Weiß, ein Licht, so grell, dass es für eine Millisekunde alle Dunkelheit schluckt, ablöst, uns für eine Millisekunde all das sehen lässt, was wir zurücklassen, all das sehen lässt, was gerade mehr und mehr im Wasser versinkt, Tropfen für Tropfen, Schlag für Schlag. Und jetzt: der Knall. Der letzte, große Knall. Das ist er. Nein, das ist er nicht, aber er ist es fast. Er ist es gleich: der letzte, große Knall. Trommel uns noch ein bisschen weiter zu Tode, in deinem crescendierenden Rhythmus. Hier, in meinem Bett, warte ich auf dich, die Augen weit aufgerissen, spüre dich kommen, Tropfen für Tropfen, Schlag für Schlag. Das Wasser läuft von allen Seiten in den Raum, die Bretter werden schon morsch, knarzen, gleich gibt das Blechdach dem Druck nach, ich höre es schon knirschen, das Wasser läuft von allen Seiten in mein Bett, die letzte trockene Stelle suchen, sich in die dünne Decke einhüllen, sich die eigenen Beine an den Bauch pressen, die letzte lebende Wärme suchen, Haut an Haut, gleich treibst du uns fort, gleich treiben wir fort. Millisekundenschlag auf Millisekundenschlag, dieser Lärm, dieser unerträgliche Lärm, die Augen weit aufgerissen, die Ohren weit aufgerissen, dass du so laut sein musst, dass du uns nicht dieses eine, letzte Mal die Stille finden lässt, halt doch eine Sekunde inne, halt doch wenigstens eine Sekunde inne, vor dem großen Knall, nur eine Sekunde Stille, vor dem großen Knall. Millisekundenschlag auf Millisekundenschlag, das Knarzen, das Ächzen, das Knirschen, trommel uns zu Tode in deinem crescendierenden Rhythmus. Übelkeit vor Müdigkeit, aber nein, jetzt noch nicht schlafen, nur jetzt noch nicht schlafen, eine Sekunde vor dem Weltuntergang, nur nicht auch dich, letzter großer Knall, nur nicht auch noch dich verpassen, jetzt bloß nicht schlafen. Das Wasser tritt aus den Kellern in die Wohnzimmer, schwemmt die toten Hühner vor den Fernseher, wenn du doch wenigstens im Fernseher liefest, Weltuntergang, aber es gibt nur einen Kurzschluss, Elektrizitätszucken, Funkenregen. Schöner Funkenregen, halt mich wach. Jetzt bloß nicht schlafen, noch einmal schreit der Himmel, gleich ist er da, der letzte große Knall, das jauchzende, wimmernde, übersättigte Licht kündigt ihn an. Die Straßen sind zu Flüssen geworden, wir, kauernd, an den letzten trockenen Stellen in unseren Betten. Gleich treiben wir davon, gleich treiben wir davon. Jetzt nur nicht einschlafen, nur nicht einschlafen. Librada schaut, ob die Hühner noch am Leben sind, das Wasser tritt über. Uroma keucht, Uroma hustet.

Alle grüßen herzlich, lächeln ehrlich, erkennen mich wieder. Sie sitzen zusammen, schreien, reißen Witze, lachen. Es ist laut. Meistens ist es laut in der Casa de Cultura. Viel ist nicht zu tun. Leandra sitzt unter ihrer Familie, sie lacht mit ihnen, nur ihre Augen lachen nicht mit. Die Stille ist ihr Blick, ihr Blick ändert sich nie. Hey Amigo! Brauchst du eine Frau? Bist du reich? Hey Amigo! Sie lachen noch mehr. Drei Frauen und fünf Kinder, zwei Babys. Sie raufen miteinander, alles immer mit einem Lächeln. Das Mädchen mit der großen Klappe und der Cap unterhält alle, sie schmeißt den Laden. Es wird nur ein bisschen ruhiger, wenn sie eine Runde mit dem Fahrrad dreht. Hey Amigo! Sie ist vielleicht 14, ihre Stimme rau und dunkel, kratzend und rauchig, ihre Haut blaues Schwarz, das dunkelste, tiefste Schwarz, negro azul. Mach ein Foto von mir und dem Tacker hier, sagt ihre 11jährige Schwester. Sie hält es in die Kamera, wie eine Pistole. Piuu Piuu, sie imitiert Schussgeräusche und lacht. Die Tochter von Leandra stillt ihr Baby, lächelt. Sie sitz ganz oben auf den übereinander gestapelten, schwarzen Matratzen. Es sind ungefähr acht. Immer wieder springen die Mädchen darauf, die Matratzen rutschen hinunter und alle fallen auf den Boden. Sie lachen. Ihr Ferienressort. Endlich ein bisschen Urlaub, mal eine Auszeit, die beste Zeit im Jahr, hier, zusammen mit der ganzen Familie, eine Zigarette pro Woche gönnt sie sich im Schatten, im Gegenlicht, draußen vor der Kochstelle.

Warum wir hier sind. Die Gewalt, sagt Melli. Natürlich: die Gewalt. Sie schrubbt über einem Wassereimer die Kleidungsstücke ihrer Familie ab, kocht Fisch über dem Feuer. Die letzten Kinder kommen gleich aus der Schule zurück. Ihr Sohn ist misstrauisch, kuckt mürrisch, brummt: keine Fotos. Das ist mein Name auf Facebook, sagt er als nächstes. Das Licht bricht um Mellis Kopf, spiegelt sich in ihrem Blick, sie wird konturlos, taucht wieder auf. Sie schaut nervös zur Tür. Nein, dass kann sie jetzt nicht sagen. Nein, dass kann sie hier nicht sagen. Schau, es gibt immer zwei Gruppen, die FARC und das Ejercito, das Militär. Zwei Gruppen. Mehr kann sie jetzt nicht sagen. Nur: die Gewalt. Die Angst ist ein unerträglicher Begleiter. Die Angst lässt sie scheinbar nirgends mehr los. Sie können überall sein, Blicke zur Tür. Die Angst ist eine zweite Haut, sie kratzt sie auf, wieder und wieder, doch das Blut gerinnt, sie wächst nach, nur hässlicher, vernarbter, schwerer, voller Erinnerungen. Die Angst ist eine Hand mit zentimeterdicker Hornhaut, Schmirgelpapierfingerspitzen, sie liegt auf ihren Lippen, drückt und reibt sie wund. Nein, nichts sagen. Nichts sagen. Sie warten darauf, dass ihr Antrag auf ein neues Haus bestätigt wird und sie endlich aus der Casa Cultura ausziehen können, endlich wieder ein Zuhause haben. Vielleicht geht dann auch die Angst. Mehr Pläne gibt es nicht, andere Pläne gibt es nicht, nur Warten. Sie sind hier seit einem Jahr.

Für mich geht es so oder so weiter, sagt Luis Carlos, ihr ältester Sohn. Er ist 19, groß, sportlich, kräftig, die Haare eine Afro-Version von Ace-Ventura. ich hätte ihn auf Mitte 20 geschätzt. Sie – er schaut seine Mutter, seine zwei kleinen Schwestern, an – sie müssen vielleicht hier bleiben, aber ich ziehe weiter. Ich werde studieren, ich bin Musiker. Im Stadion von Cali habe er schon gespielt, erzählt er stolz, vor zigtausenden Zuschauern, jetzt hat er kein Instrument mehr. Aber: ich ziehe weiter, sagt er. Er hat einen anderen Vater als seine Geschwister, sein Vater und seine Halbbrüder leben in Cali, haben ein Haus, Autos. Hier bin ich nichts, aber in Cali bin ich etwas, sagt er.  Wir können nicht auf die Hilfe des Staates warten, Mama, sagt er. Was, wenn sie nicht kommt.

Der Fernseher läuft den ganzen Tag. Mal schauen sie darauf, mal läuft er einfach. Mal reden sie, mal schweigen sie. Viel passiert nicht, viel ist nicht zu tun. Der Lärmpegel ist permanent. Viel passiert nicht, viel ist nicht zu tun. Es regnet wieder. Aus dem Fenster schauen. Dieser Lärmpegel, all diese Musik verschwimmt zu einem Brei, einem großen Lärmbrei, permanent, ein immer weiter anschwellender, alles einschliessender Kreis, der Ort in der Mitte. Der Kreis wird immer größer und größer, größer und größer. Die Menschen immer kleiner und kleiner, langsam werden wir zerquetscht in all diesem Lärm, immer näher werden sie aneinander gedrückt, werden selbst zu Brei. Dieser Kreis explodiert sicher bald. Wann explodiert dieser Kreis. Pasqual ist wie immer gut gekleidet. Er sagt: hier kann man nicht atmen. Er sagt: die Leute hier merken es gar nicht mehr, aber hier in der Stadt, kann man nicht atmen, die Luft ist nicht frei. Bei uns auf dem Land ist die Luft frei. Frei, sagt er. Die Leute hier merken es gar nicht mehr.

Alvaro hat ein freundliches, warmes Lächeln. Er lacht viel. Die Leute vertrauen ihm, manche. Er trägt eine kurzrasierten Schnauzer, seine Wimpernpartie ist an den Seiten leicht nach unten gedrückt, gibt seinem Blick Treue. Alvaro hat ein gutes Gesicht. Das Licht fällt hinter ihm durch die Holzritzen im Haus, durch die leicht geöffnete Tür, verwischt die Konturen seines Gesichtes, zeichnet es weich. Die Holzfensterläden sind geschlossen, es ist heiß. Alvaro sagt bestätigend aaaaha, er sagt: exactamente. Es fehlte eigentlich alles, sagt er. Vor allem fehlte Wasser. Stell dir das mal vor, wenn 500 Leute kommen und es kein Wasser gibt, sagt er. Mal, sagt er, muy mal. In Kolumbien gibt es Rechte, aber sie werden nicht eingehalten. Eigentlich existieren diese Rechte gar nicht, sagt er, es ist ein Kampf, tremendo, sagt er. Vielleicht können wir noch in diesem Monat zurückkehren, haben sie gesagt, aber wir brauchen unsere Garantien, morgen ist das nächste Treffen, sagt er, das wichtigte Treffen mit der Defensoria del Pueblo.

Die Chicas malas, die bösen Frauen, wissen wie man tanzt, lacht Martin, Doña Teos Mann. Er beugt sich über die Holzbrüstung, beobachtet die im fahlen Licht der Laternen liegende Straße, Teo ist schon im Bett. Manchmal sind die bösen Frauen besser, als die guten Frauen, sagt er und: ich finde hier keine Freundin, jeder kennt Teo, der Ort ist klein. Martin wechselt das Thema: Ja, mehr als 100 Tote bei den Luftangriffen in Alto Guapi, das sollte die ganze Welt wissen, das war schrecklich, schrecklich. Sie haben riesige Bomben abgeworfen, in dem Camp der FARC waren 170 Kämpfer stationiert, 170. Wie soll es da nur 28 Tote gegeben haben? Wir waren dort, haben etliche Familien getroffen, die auf ihre Söhne und Männer gewartet haben, als wir das nächste Mal kamen, waren sie immer noch nicht dort. Nein, dort sind viel mehr als 28 gestorben, viel mehr. Schrecklich war das, schrecklich. Das sollte eigentlich die ganze Welt wissen. Aber die Leute haben unglaubliche Angst, sie reden nicht darüber, niemand redet darüber. Ein paar haben es mir erzählt, da sie mich sehr gut kennen, aber sonst reden sie nie darüber. Die FARC hört überall zu und sie wollen nicht, dass diese Nachricht rauskommt, sie wollen nicht so schwach wirken, der Staat, das Ejercito wollen nicht, dass diese Nachricht rauskommt, sie wollen nicht für ein Massaker verantwortlich sein. Schrecklich ist das, schrecklich. Es sollte die ganze Welt wissen, sagt Martin, legt die Stirn in Falten, schüttelt den Kopf, schüttelt immer weiter den Kopf.

Die Straße ist voll, die Frauen besingen den Toten, ihr Chor hallt durch das Viertel, es ist eine fröhliche, tänzelnde Melodie, die Anderen betrinken sich dazu. Der Tote liegt aufgebahrt im Haus. Alle sitzen sie auf Plastikstühlen davor, mitten auf der Straße, die Musik ist ohrenbetäubend  laut, sie lachen. Lucero und die Kinder spielen ein Spiel mit leeren Kokussnussschalen, sie stapeln sie übereinander, werfen sie aufeinander, es ist bestimmt sehr komplex. Auch spät in der Nacht sind sie noch auf der Straße. Man kann sowieso nicht schlafen, wie jede Nacht dröhnen so viele verschiedene Bässe, dass es unmöglich ist sie auseinanderzuhalten. Ständig kracht es, die Leute hier lieben ihre selbstgebauten Feuerwerkskörper. Vermischt mit den Rufen und Lachen der Kinder, den voll aufgedrehten Fernsehern in jedem Haus. Es ist fast Mitternacht, heute einmal länger aufbleiben, man muss sich etwas gönnen,  im Urlaub. Ballermann-Highlife, jeden Abend, hier, mitten neben dem Kriegsgebiet. Um dann, um Punkt 12 verstummen die Bässe, wie jeden Wochentag. Nur die hypnotischen Gesänge für die Toten hallen die ganze Nacht durch die Straßen, bis zum Morgengrauen, bis der neue Tag sie abholt, die Toten. Uromas Keuchen, Uromas Husten. Was weißt du über Medizin, fragt Uroma.

SerieGuapi-4

Guapi, Tag 7

Die Männer aus Alto Guapi beim Domino, Ruben, Pasqual und die Anderen. Pam, Pam, PAM. Schlag den Stein auf den Holztisch, irgendwann wird er vielleicht splittern, bersten, egal, du hast ja Kraft, irgendwo muss man sie herauslassen. Pam, Pam, PAM. Der Letzte muss immer noch stärker nachsetzen. Ruben sagt: Natürlich gewinne ich. Sie lachen, sie schlagen sich auf die Oberarme. Pasqual sagt: tranquillo, ihr müsst die Steine nicht so fest auf den Tisch knallen. Ruben lacht: Ich gewinne schon wieder. Hier hast du es, Pam, Pam, PAM. Ruben knallt die Steine noch fester auf den Tisch als vorher, alle lachen. Die Zeit vergeht wie im Flug. Manchmal.

Sie legt ihren Hinterkopf zwischen die Beine der Schwester, sie macht ihr die Haare, flechtet Cornrows. Manchmal lachen sie über einen schlechten Witz, meistens schauen sie in die Weite. Die Weite ist die Wand. Die Wand ist grau, der Putz bröckelt ab. Der Junge schält ihn, wie jeden Tag, noch ein bisschen mehr hinaus, vielleicht kommt dahinter die Weite, das Meer, der Horizont. Sie treten sich gegenseitig, raufen, lachen noch mehr. So kann ich deine Haare nicht machen! Und wieder Schauen, auf grauen, bröckelnden Putz. Pam, Pam, PAM. Wenn es wenigstens still wäre, aber die Männer haben soviel Kraft beim Dominospielen.

Die Soldaten wirken heute noch nervöser als sonst. Wohin geht ihr, fragen sie. Zu welchem Treffen, fragen sie. Sie stehen an noch mehr Ecken und Straßen, an allen, die zu ihrer Basis führen, sie mustern jeden. Noch eine Woche bis der neue einseitige Waffenstillstand der FARC beginnt. Vielleicht wollen sie jetzt noch einmal die Chance nutzen, ein letzter Vergeltungsschlag für die Luftangriffe, die 28 Toten, vielleicht ist diese Woche die letzte Möglichkeit. Die letzte Straße vor der Militärstation haben sie gestern abgesperrt. Bauarbeiten, sagen sie und: Nein, hier kann man nicht durch. Ein Bagger steht jetzt dort, gearbeitet wird nicht. Es ist alles wie immer.

All diese Blicke: Wer ist er? Was will er? Schadet er uns? Ich schaue niemanden von ihnen an, ich blicke auf den Boden, ich blicke an ihnen vorbei, wenn ich durch die Stadt laufe. Die FARC ist hier überall, sagen sie mir. All diese Blicke krabbeln über mein Gesicht, über meinen Rücken, krallen sich bei jeden Schritt in meinen Nacken. Ich spüre sie überall. Die FARC ist hier überall, sagen sie mir. Das Militär ist hier auch überall, an jeder Ecke. All diese Blicke. Ich schaue sie nicht an, ich blicke auf den Boden, ich blicke an ihnen vorbei. Bloß nicht ansprechen lassen. All diese Blicke.

Jedes Detail besprechen Doña Librada und ihre Kollegin von der Hühnerzucht. In zwei Tagen wollen sie ein Überraschungsessen für ihren Professor veranstalten, er gab kostenlose Kurse zu ökologischem Tierfutter in Donña Teos Büro. 12 Personen, Pollo, Huhn, soll es geben natürlich, aber auch Reis, Platanos, Sopa, Frijoles. Keiner von ihnen hat Geld, aber das Essen soll richtig gut werden. Jedes Detail besprechen Doña Librada und ihre Kollegin von der Hühnerzucht.

Jeden Tag neue Treffen, jeden Tag wieder Erwartungen, wieder Warten. Alvaro ist kämpferisch, seine Stimme durchdringt den Raum. Die beiden Herren aus Bogotá sind die einzigen Weißen bei der Versammlung. Sie erklären den Leuten all ihre Rechte: Gesundheit, Sicherheit, Bildung, Würde. Und dann sagen sie: aber der Staat wird euch eure Rechte nicht gewähren, es ist sehr schwierig. Wir sind hier, um euch zu helfen, dass ihr realistische Forderungen stellt und wirklich etwas erreicht beim Staat, sagen sie. Sie sind selbst Teil vom Staat, Verteidigung des Dorfes, heißen sie. Minimalkonditionen, sagen sie. Fundamental, sagen sie. Die Leute sagen: wir haben Kranke, wir haben kein Essen, seit vier Tagen kein Essen, sagen sie, kaum Wasser, sagen sie, Chaos, sagen sie, jeder schlägt sich durch, wo er kann. Vier Matratzen, vier Kissen, vier Teller für acht Familienmitglieder, sagen sie. Si, me entiende? Von den 480 Desplazados sei noch keiner zurückgekehrt, aber mindestens 80% wollen es so schnell wie möglich. Die Herren sagen: Prinzipien. Sie sagen: Freiwilligkeit, Würde und Sicherheit. Und sie sagen: Minimalkonditionen. Und sie sagen: Realität. Seit 200 Jahren haben wir ruhig gelebt, dann kamen die Soldaten, sagen die Leute. Und jetzt schaut, was passiert ist, sagen die Leute. Die Herren erklären ihnen ihre Rechte, doch die Leute kennen sie schon längst. Vom Staat vergessen, schon immer, alleine, dort, in den Wäldern, wo sonst niemand hinkommt. Jetzt kennen sie ihre Rechte und schreien: wir sind hier! Jetzt seht ihr uns! Jetzt kümmert euch um uns. Und sie sagen: wir wollen das Militär nicht, sie sollen unser Territorium respektieren. Morddrohungen, Belästigungen, Angst, sagen sie. Aber jetzt kennen sie ihre Rechte. Alvaro sagt: Grundversorgung für ein Jahr, Arbeitsmaterialien, Wassertank, Gesundheitszentrum, öffentlicher Transport, Kommunikationsmittel. 21 Punkte,zählt er auf. Seine Stimme durchdringt den Raum. Wir brauchen das. Si, me entiende? Der Herr aus Bogotá geht immer wieder an sein klingelndes Handy und verlässt die Besprechung. Danach sagen die Herren aus Bogotá: Präzisieren, Priorisieren. Und: fundamental. Ein wirklich erfolgreicher Rückführungsprozess dauert meistens über ein Jahr, sagen sie. Und wie zahlen wir die Miete in der Zeit des Wartens?

Was macht er hier? Was will er hier? Ihre Blicke streifen mich, sie trauen mir nicht, keiner dieser Blicke ist offen, keiner dieser Blicke ist einladend. Du bist fremd, sagen sie. Du bist eine Gefahr, sagen sie. Du nutzt uns aus, sagen sie. Mein Blick will sagen: ich bin euer Freund, ich arbeite für euch, ich arbeite mit euch. Nein, sagen sie. Nein. Ich bin nicht Teil von irgendetwas hier. Ich bin fremd, ich bin kein Freund hier. Nein, sagen sie. Wer von ihnen ist von der FARC, wer ist von einer anderen Gruppe, wer will aus welchem Grund nicht, dass ich arbeite, wer hat Angst vor was?

Du musst sie verstehen, sagt Maestro, Libradas Mann. Sie müssen dich kennenlernen. Aber das versuche ich seit einer Woche, ich dachte ich sei viel weiter, sage ich. Sie tun sich schwer zu verstehen, welche Bedeutung deine Arbeit hat, sagt Maestro. Ich frage mich, welche Bedeutung meine Arbeit hat, denke ich. Ich würde gerne soviel mehr helfen, sage ich, aber wie?

Wieder Schüsse draußen. Sie feiern wie wild heute Nacht, alle paar Minuten ein Feuerwerk. Wieder die Bässe, das Lachen, die Schreie. Morgen ist Feiertag, heute ein großes Fest. Rumba, Cervezas, haben sie gesagt. Heute geht keiner mehr ans Telefon. Nein, ich hab keine Freunde hier, nein, ich gehöre hier nicht hin. Ich bin fremd und werde nur fremder. Ich sage mir: ich mache diese Arbeit für sie. Ich frage mich: warum mache ich das hier? Keiner will, dass ich für sie arbeite. Keiner will mich hier. Keiner will meine Hilfe. Was ist überhaupt meine Hilfe. Visibilisieren? Geht es noch ein bisschen abstrakter? Nein, es tut mir leid, für euch kommt nichts zurück. Nein, es tut mir leid, ich sauge euer Leid nur auf, aber nein, es tut mir leid, ich bringe nichts zurück. Ich habe kein Geld, ich habe keine Kontakte. Ich sage: ich will eure Lebendigkeit zeigen, euren Kampf, eure Schönheit. Ich sage: ich will euch kennenlernen, ich will euch helfen, wo ich nur kann. Fotos, Videos, Worte. Aufmerksam machen. Visibilisieren. Sie schauen in die Luft. Schenkst du mir deinen Rucksack, fragen sie mich. Und: Nein. Nein, sagen sie. Warum mache ich das hier? Nicht für die Veränderung, die wird durch mich nicht kommen, nichts wird durch mich kommen. Ich sage mir: auf ein Problem aufmerksam machen, ist der erste kleine Schritt einer möglichen Veränderung. Die Anderen sagen immer wieder: Ja, das ist sehr wichtig, ja, deine Arbeit ist so wichtig, bewundernswert. Ich glaube ihnen nicht. Ich glaube nicht, dass sie das wirklich meinen, sie wollen mich nur nicht verletzen. Ich glaube doch selbst nicht daran. Ich weiß es sogar. Ich weiß, dass es eine Illusion ist, dass diese Veränderung nicht existiert. Da ist nicht mal mehr ein Tropfen Wasser, den ich auf den Stein pissen könnte. Es ist scheiß egal. Es hat keine Bedeutung, es juckt keinen, es wird nie jemanden jucken. Der Stein wird nur heißer und heißer und irgendwann explodieren und wir alle wissen das. Nein, da kommt nichts zurück für euch, tut mir leid, Fotos, Videos, Worte, alles, was in meiner Macht steht, nein, tut mir leid, ich habe keine Kontakte, ich habe kein Geld. Am Ende mache ich es doch wieder nur für mein Ego, für dieses ekelhafte Monstrum, dass ich zertreten, zerstampfen, endlich loswerden will. Ich will es für sie machen, ich will es für etwas Gemeinsames machen, aber nicht einmal sie schaffen es, untereinander etwas Gemeinsames zu konstruieren, nicht einmal ein kleines Dorf schafft es zusammen zu arbeiten, ohne sich zu streiten, ohne von den infiltrierten Interessen der Gruppen, von Egoismus, von Misstrauen immer wieder zerrissen zu werden, wie könnte ich dann Teil davon sein, geschweige denn: wie könnte ein noch größeres Gemeinsam existieren? Sie trauen niemanden unter sich, diese Organisation hasst diese Organisation, Korruption, sagen sie, Egoismus, sagen sie. Sie trauen nur sich selbst und ihrem Ego. Den Führern geht es nur um ihr Ego, sagen die meisten, wir trauen ihnen nicht, sagen sie. Noch weniger trauen sie mir, dem Weißen mit der Kamera. Wann bezahlst du uns, fragen sie mich. Ich verdiene damit kein Geld, sage ich, das ist eine Arbeit aus Leidenschaft, um euch zu helfen, auf euch aufmerksam zu machen. Sie schauen in die Luft und ich glaube mir schon selbst nicht mehr. Nein. Nichts Gemeinsames. Ich bin hier alleine, ich bin hier isoliert, ich gebe nichts zurück, ich verändere nichts, niemand wird einen Unterschied merken. Für die Kunst, kann ich sagen, für die Kunst. Alles für die Kunst. Doch die Kunst ist am Ende auch nur der Künstler selbst, ist am Ende auch nur ein widerwärtiges, aufgeblasenes, vor Fett triefendes, vor sich hin siedendes Ego. Es stinkt, es stinkt nach faulem Tod, doch es will einfach nicht sterben. Es ist überall an letzter Stelle, selbst hier, mitten neben dem Kriegsgebiet. Die Gesänge der Toten hallen durch die Köpfe, bis zum Morgengrauen, bis der nächste Tag sie holt, die Lebenden.

SerieGuapi-9

Guapi, Tag 8

Pasqual ist sicher 80, graue Stoppeln bilden an seinem Hinterkopf einen Halbkreis, vorne hat er keine Haare mehr. Er ist immer gut gekleidet, schwarze Anzughose, kurzärmliges Hemd, feine Schuhe. Alles hat er genau einmal. Trotzdem riecht er nie. Ich habe 10 T-Shirts dabei und stinke jeden Tag nach spätestens 10 Minuten fürchterlich. Pasqual gibt mir die Hand, klopft mir auf die Schulter, nickt und lächelt. Die Leute vertrauen niemandem, sagt er, es ist schwierig. Und du warst die ersten Tage mit Cococauca, der anderen Organisation unterwegs, sie vertrauen Cocacauca nicht, deshalb vertrauen sie dir nicht. Er frühstückt einen großen Teller Reis, mit Fisch und Platano. Aber wir wissen, was du machst, wir vertrauen dir. Wie immer sitzt er nicht im Hauptsaal der Casa de Cultura, dort wo die frühere Bühne ist, auf der nun die Matratzen liegen. Er sitzt im Vorraum, wo das Licht der Straße einfällt. Es ist schwierig mit den Leuten, sagt er. Gehen wir zum Treffen? Kommst du mit, ruft Ruben.

Wir sind ein staatliches Kontrollorgan, erklärt Mauricio, der Herr aus Bogotá von der Defensoria del Pueblo, der Verteidigung des Dorfes. Wir kontrollieren die Regierung, ob sie sich an die Verfassung halten. Die Lage der Flüchtlinge ist prekär, der Staat muss jetzt handeln, er muss jetzt sehr schnell handeln. Sie mussten fliehen. Sie wurden direkt in die Mitte einer militärischen Operationen katapultiert, die Luftangriffe auf die FARC Stellungen waren in einer dicht bewohnten Zone. Er sagt: riesige Angst, eingesperrt im Haus, gefährlich, Militär in den Bergen, auf den Feldern, auf dem Wasser. Er sagt: riesige Angst. Und: Flucht. Guapi hat keinen Platz, keine Mittel die Flüchtlinge aufzunehmen. Er sagt: keine Infrastruktur. Er sagt: unwürdig. Er sagt: prekär. Er sagt: Verantwortung des Staates. Sie müssen so schnell wie möglich zurückkehren, aber mit nur mit Garantien, in Sicherheit und Würde, nicht, weil sie hier verhungern. Er sagt: freiwillig. Und: der Staat muss jetzt handeln, er muss jetzt sehr schnell handeln. Er weiß: der Staat wird nicht schnell handeln.

Die Eidechsen krabbeln die Wände hinauf. Sie sind weiß, fast unsichtbar, flink, verstecken sich in allen Ritzen. Die Ratten sind immer in der Nähe der Küche. Sobald sie dich nur hören, flitzen sie davon, sind schon verschwunden, bevor du kommst. Manchmal siehst du ihren Schwanz vorbeihuschen, siehst sie kurz vor dem Verschwinden. Aber du weißt, dass sie immer da sind. Die Kakerlaken hörst du schaben, hörst du kratzen. Sie sind unter deinem Bett. Du hörst sie kratzen, sie bleiben da, während du schläfst. Machst du das Licht an, um sie zu fangen, verschwinden sie durch den Vorhang in einen anderen Raum. Sie kommen wieder. Du hörst sie kratzen.

Wie immer lacht Ruben laut, er gibt einem sofort die Hand, lächelt. Viel ist nicht zu tun. Heute kam eine neue Essenslieferung, fünf Dosen Thunfisch, fünf Dosen Sardinen, eine große Packung geschmacklose Cracker und Reis. Viel Reis. Alles wird durchgezählt auf der Matratze. Viel ist es nicht, aber immerhin etwas. Immerhin Essen. Die Tage davor kam eine ganze Weile überhaupt nichts. Sie sortieren die Lieferung der Woche davor, die Spaghetti Packungen sind aufgeplatzt, sie schauen, was sie noch benutzen können. Es ist dunkel in der Casa de Cultura, meistens funktionieren die Deckenlampen nicht. Sie sitzen dort den ganzen Tag, im Dunkeln. Draußen ist es entweder zu heiß oder es regnet. Leandra und Cecundina sitzen meistens beisammen. Die Stille in Leandras Blick, das Lachen um Cecundinas Lippen. Viel ist nicht zu tun, sie ergänzen sich gut.

Im zweiten Stock legt Melly ihre Füße auf einen Plastikstuhl und liest die Bibel. Das ist kein Buch, sagt sie, Gott hat es in Auftrag gegeben, es ist direkt von Gott, Gott hat es diktiert. Du glaubst an die Evolution, fragt sie entsetzt? Du glaubst, dass du von Tieren abstammst? Vom Affen? Sie schaut mich fast angewidert an. Natürlich gebe es Beweise, es stehe alles in diesem Buch. Die ersten Menschen waren Adam und Eva, wir stammen direkt von ihnen ab. Von Tieren, das ist doch absurd. Wie konnte ohne Gott das Universum entstehen? Wie kann ohne Gott aus dem Hühnerei ein Küken werden, wie kann ohne Gott Leben entstehen? Natürlich gibt es Beweise, es steht alles in diesem Buch, Gott schuf die Welt in 10 Tagen. Er glaubt nicht an Gott, ruft sie ihre Tochter herbei, kannst du dir das vorstellen? Er glaubt an die Evolution. Beide schauen mich entsetzt an.

Cecundina sagt: in drei Monaten sollen wir zurückkehren, dann soll alles abgeschlossen sein. Dann sagt sie: wir wissen nicht, wann wir zurückkehren können. Wir wissen nichts. Drei Monate sind lange, sagt sie. Leandra ist seit fast einem Jahr hier, sie hat keine Aussicht darauf zurückzukehren. Sie schaut auf die graue Wand, vielleicht ist eine Weite dahinter. Die Stille ist ihr Blick, ihr schwarzer, stiller, toter Blick. Ihr Blick ändert sich nie. Nie. Wir können nicht alleine zurück, wir haben dort nichts mehr, unsere Tiere sind mittlerweile tot, die Felder nicht mehr bestellt, wir hätten kein Essen, wir brauchen Hilfe. Ich erinnere mich nicht mehr, was bei dem Treffen beschlossen wurde, sagt Ruben, ich erinnere mich schon nicht mehr. Nächste Woche sind neue Treffen, wieder neue Treffen.

Ruben fährt mit dem Fahrrad durch den Raum, er ist ungeschickt. Immer wieder stößt er gegen einen Stuhl, gegen die Wand, fährt fast seine Kinder, seine Großtante Cecundina oder Leandra um. Er lacht so laut wie immer. Viel ist nicht zu tun. Die Zeit steht still in der Casa de Cultura, im Dunkeln, ständige Dämmerung, ständiges Warten auf die Nacht, ständiges Warten auf den nächsten Tag, ständiges Warten. Viel ist nicht zu tun. Sitzen und Warten. Über die Witze der Kinder lachen, ihnen beim Spielen zu sehen. Drei Monate sind lang, sagt Cecundina.

Eine große Gruppe Soldaten läuft vor uns. Schwarze und weiße. Alle sind sie unsichtbar, nur die Uniformen bewegen sich breitbeinig, stampfend. Ihre Schritte sind so langsam, alle müssen sie zwangsläufig überholen. Das Maschinengewehr hängt ihnen um den Hals, die Pistole steckt rechts auf Hüfthöhe im Halfter. Alle haben sie ihre Hand an der Pistole, den Finger am Abzug. Als warteten sie nur darauf, auf das Duell in der Mittagssonne, als hätten sie zu viele Western geschaut. Die Leute merken es nicht, sagt Pasqual, die Luft auf dem Land ist frei, sagt Pasqual.

Bei Teo putzen sie das Büro, morgen kommt eine Delegation aus Bogotá. Normalerweise ist das Chaos die Ordnung. Heute ist Feiertag, sie haben eine große Box vor die Tür gestellt. Volle Lautstärke. Standesgemäss. Sie trinken Schnaps und putzen und ordnen und lachen. Teo telefoniert und trinkt keinen Schnaps, sie schreibt Dokumente und sagt: diese Hitze, diese Hitze. Doña Teo wiegt sicher 200 Kilo. Eine ihrer Frauen kommt und misst ihr den Blutdruck. Alle machen sie besorgte Gesichter, niemand weiß so wirklich, wie man das Gerät bedient. Das ist normal, sagt sie dann. Doña Teo kann es nicht so recht glauben. Eine andere hat zuviel Schnaps getrunken, sie stützt ihren Kopf in ihre Hände, stammelt unverständliches Zeug. Doña Teo lächelt müde. Diese Hitze, diese Hitze, sagt sie.

Elver sagt: ja, das ist wegen Cococauca. Viele hier mögen nicht, was die Köpfe der Organisation machen. Sie stehlen Geld, sagen sie. All das Geld geht nur auf die Konten von wenigen, bei der Gemeinde selbst kommt nichts an, sagen sie. Aber wir sind alle Cococauca, wir alle arbeiten kostenlos, die Consejos, die Gemeinden selbst, die Basisprojekte, all das ist Cococauca. Elver echauffiert sich. Wenn er schnell redet, verstehe ich kein Wort mehr.

Das Misstrauen kommt schleichend, bewegt sich in Zeitlupe, aber stetig, Schritt für Schritt. Das Misstrauen ist eine Schlange, sie kommt unbemerkt, beisst sich fest, vergiftet alles. Das Misstrauen ist überall, das Misstrauen frisst dich auf, langsam. Wer ist noch mein Freund, wer ist mein Feind, wer hilft mir wirklich, wer wird mich töten, mich verraten. Das Misstrauen kommt schleichend, bewegt sich in Zeitlupe, aber wenn es erst einmal da ist, wirst du es nicht mehr los. Sprich nicht mit jedem, ignorier die Zurufe, blickt auf den Boden. Wenn es einmal da ist, bist du alleine. Ganz alleine.

Wir verlieren uns hier total, sagt Libradas Kollegin von der Hühnerzucht. Wieso verlieren? 12 Personen, 20 000 Pesos für den Fisch. Wie viel Geld brauchen wir genau? Jeder Cent zählt. Sie fragen eine Freundin, ob sie noch Geld hat. Wir verlieren uns hier, sagt Libradas Kollegin von der Hühnerzucht. Librada trägt heute ihr Sonntagskleid mit tiefem Ausschnitt und ein buntes Kopftuch. Es ist Feiertag. Auf der Straße begrüßt sie ihre Nachbarn vergnügt, für jeden hat sie ein Lachen, einen Witz und eine interessierte Nachfrage. Bei Teo putzen sie immer noch. Besonders effektiv sind sie nicht. Carlos Mario schreibt das letzte Dokument: und so ist es für uns als Frauen der Gemeinde besonders wichtig… Und er schreibt: wir als Frauen der Gemeinde stärken den Fischfang…Carla Maria witzeln die Anderen im Raum, alles Frauen. Sie trinken selbstgebrannten und gemischten Schnaps, ein Junge trägt einen 20 Liter Plastikkanister die Treppen hinauf. Der Kanister ist fast leer. Sehr lecker, sehr lecker, sagen sie und schenken ein. Etwas wird in eine grüne, alte Weinflasche abgefüllt. Für die Gäste morgen.

Janner klopft an der Tür, er ist mit drei seiner Freunde da, sie scherzen laut. Sie riechen nach Alkohol. Janner trägt kein T-Shirt und die Jeans tief, die Hälfte seiner Unterhose schaut heraus. Doña Librada schimpft: wie kannst du nur so rumlaufen? Was ist denn in dich gefahren. Janner grinst nur. Janner spricht sonst auch sehr wenig. Er geht kurz in sein Zimmer und dann verschwindet er wieder mit seinen Jungs. Heute ist es wohl nicht zu gefährlich, heute ist Zeit für fiesta.

Das Unwetter nähert sich langsam. Du kannst es spüren. Du liegst in den Betten und kannst es spüren. Es wird kommen, es brodelt, weit weg noch, dort hinten, aber es brodelt. Dort ist er schon, der letzte große Knall, dort zuckt schon der Himmel, hier steigert sich das leise Prasseln. Aber du kannst es spüren, langsam stellen sich die feinen Härchen auf den Armen auf, langsam. Aber du kannst es spüren.

SerieGuapi-5

Guapi, Tag 9

Wieder Regen. Kein Tag ohne Regen. Die Rinnsale bahnen sich ihren Weg durch das Dorf, man hangelt sich von Stein zu Stein, Brett zu Brett, bloß nicht in den Matsch treten. Bei Regen sieht man weniger Soldaten, sie ziehen sich in die vier Schutzbunker rund um die Polizeistation zurück. Bei Regen wartet der Ort, seit Wochen wartet der Ort, doch auch bei Sonne wartet der Ort, dann ist die Flamme zu heiß. Der Ort wartet immer.

Die Fliegen freuen sich über das tote Fleisch. Sie krabbeln darüber, beißen kleine Stücke heraus. Es liegt neben der Wiese, am Rande des Weges. Die Verwesung hat schon eingesetzt, es wird von Minute zu Minute unkenntlicher. Die Fliegen essen sich satt, werden von Minute zu Minute mehr. Der Regen weicht es auf, schält die schwammige Haut ab, legt das rosa Fleisch brach. Wieder Regen, von Minute zu Minute mehr.

Aayyyy, ruft Librada und hebt ihren Neffen hoch. Sie lacht ihr herzliches Lachen, wie jeden Tag. Das herzlichste Lachen. Sie umarmen sich. Die Frau ihres Bruders aus Timbiqui ist zu Besuch und bringt ein Geschenk mit, neue Sandalen für Librada. Lucero, Uroma und Librada kitzeln abwechselnd den Neffen und die Neffin. Eines meiner Hühner ist gestorben, erzählt Librada, es regnet viel die letzten Tage und die Anderen arbeiten nicht. Dann wird wieder gelacht, Familienplausch, alberne Witze. Uroma ruft immer wieder etwas dazwischen, das man meistens nicht versteht. Uroma lacht ständig und zwickt den Neffen in die Seite. Ihr Lachen ist manchmal mehr ein Rufen, ähnlich dem Erkennungsschrei der Indianer alter Winnetou Filme, uuuiiiiuuiii, schrill und hoch. Und dann geht sie nahtlos über in Kichern. Lucero schaut aus dem Fenster, sie wirkt isoliert. Keiner hat sie gegrüßt, die Anderen kamen und setzten sich einfach in ihr Wohnzimmer. Jetzt sagt sie nicht Mama. Jetzt ist es nicht ihre Familie.

Ständig klingelt Alvaros Handy. Es kommen immer mehr Leute, aus allen angrenzenden Gemeinden, aus allen angrenzenden Municípios. Morgen ist der große Marcha por la Paz in Guapi, über 2000 Leute sollen es werden, sagt Alvaro. Ein Zeichen für den Frieden, sagt Alvaro. Er sagt: wir sind eine Familie, wir sind Brüder. Und: wir töten uns gegenseitig. Er sagt: sinnlos. Und noch einmal: sinnlos. Wir haben soviel Blut vergossen, wir wollen keinen Krieg mehr. Die Regierung muss jetzt endlich auch die Waffen niederlegen und handeln. Wir wollen Sicherheit, Garantien, wir wollen Frieden. Wir wollen endlich Frieden. Es kommen immer mehr Leute, von überall her. Wo sollen sie alle schlafen, wo sollen sie alle essen? Alvaro rennt wie wild umher, lächelt, schüttelt Hände. Er hat für jeden seinen freundlichen, warmen Blick. Morgen ist der große Marsch. Es kommen immer mehr Leute.

In zwei Tagen fährt Elver nach Popayan, für ein Treffen mit anderen Flüchtlingsorganisationen. Sie werden wieder tagelang diskutieren, tagelang Anträge ausarbeiten, wieder tagelang sagen: Verantwortung des Staates. Sie werden sagen: keine Mittel, prekär, Sicherheit, Würde. Und: der Staat muss jetzt handeln. Die meisten der Flüchtlinge, die Elver vertritt, warten seit 2 oder 3, 4 oder 5, 6 oder 15 Jahren. Sie warten immer noch. Die meisten werden wahrscheinlich immer warten. Einige haben kleine Hilfen in den ersten Monaten erhalten, aber eine Rückkehr, eine Umsiedlung, Würde, Sicherheit, Rechte, auf all das werden viele für immer warten.

Jeder versucht sich jetzt schon seine Matratze zu sichern, die meisten der Leute schlafen in der Casa de Cultura. Alle laufen durcheinander, rufen durcheinander, reden durcheinander. Viele sind hektisch, hoffen auf einen guten Schlafplatz, andere sitzen auf dem Boden, löffeln Suppe aus Plastikschüsseln. Oben ist auch noch Platz, ruft Ruben wütend allen zu, die in sein Wohnzimmer strömen. Es ist das Allerselbe, nur einen Stock höher, da ist auch noch Platz. Beruhig dich Ruben, sagt ihm Pasqual beim Dominospielen, heute müssen wir uns den Platz teilen. Die anderen bekräftigen Pasqual. Keiner von ihnen schläft in der Casa de Cultura. Ja, ja, sagt Ruben, aber ist doch wahr, die sollen auch oben schlafen, es ist jetzt schon zu eng. Pam, Pam, PAM, sie stampfen die Dominosteine in den Tisch. Es sind viele indigene Familien aus der ganzen Region gekommen, sie schauen verschreckt an den Spieltisch. Die Indigenen sind leise, reden bedacht, die Afros knallen die Steine auf den Tisch, rufen durch den ganzen Saal, lachen laut. Zwischen beiden Kulturen liegen Welten, sie verstehen sich nicht besonders, bleiben unter sich. Doch morgen laufen sie gemeinsam für den Frieden. Ein Zeichen für den Frieden, sagt Alvaro. Ruben stapft trotzig durch sein Wohnzimmer, überall sind schon jetzt die Matratzen ausgebreitet, die Leute liegen kreuz und quer, man kann kaum noch durch den großen Raum laufen. Neben seiner Matratze ist alles voll. Das geht nicht Leute, sagt er, wir sind zu zehnt, wir brauchen den Platz dort. Er legt die Stirn in Falten, sein Blick resigniert, verärgert. Er ist müde. Die wenigen Klos sind nach ein paar Stunden schon komplett verdreckt. Als wir ankamen, war es noch viel schlimmer, sagt er, da waren wir 500. Die Casa de Cultura ist jetzt, mit vielleicht 100 Menschen insgesamt, schon maßlos überfüllt. Es ist unglaublich laut, gibt kaum Platz zum Laufen, Matratzen sind Mangelware. Alvaro hetzt umher, lächelt herzlich, schüttelt Hände, klopft auf Schultern. Wo schlafen wir, fragen ihn die Leute. Ja, wo schlafen sie, denkt sich Alvaro. Einige werden wo anders einquartiert, Räume werden gesucht. Was sollen wir essen, fragen sie ihn. Ja stimmt, was sollen sie essen. Morgen ist der große Marsch, es kommen immer mehr Leute.

Wieder ist der Strom ausgefallen, alle sitzen sie draußen vor Doñas Teos Haus und warten auf das Abendessen. Der gigantische Topf mit Hühnersuppe brodelt vor sich hin. Fünf der Frauen sitzen mit ihr und Martin am Tisch, viele essen hier jeden Tag, immer wird in riesigen Töpfen und riesigen Pfannen gekocht. Zwei Herren einer Fundación aus Bogotá sind zu Besuch. Morgen fahren sie alle zusammen aufs Land, zu zurückgekehrten Flüchtlingen. Sie kochen auch dort, traditionelles Essen, schauen wie die landwirtschaftlichen Projekte vorankommen. Die Gäste aus Bogotá löffeln ihre Hühnersuppe, delicioso, sagen sie, sehr lecker. Sonst wird nicht viel mit ihnen gesprochen. Sie sind willkommen, sie sind schon Teil der Gruppe, aber Doña Teo spricht immer über ihre Arbeit,  permanent, immer wird diskutiert, mit allen, dies ist zu tun, wir müssen noch das organisieren, wir müssen das ändern. Mit den Gästen wird nicht viel gesprochen.

Librada ist müde, ihre Haare stehen zu allen Seiten ab. Sie arbeitet sieben Tagen die Woche, sie kennt keine Pausen. Ja, das Essen für den Professor war ein Erfolg, allen hat es geschmeckt, sagt sie. Aber jetzt ist sie müde. Im Fernseher läuft Salsa, sie tanzt kurz in der Küche, sie lacht ihr herzliches, lautes Lachen. Die letzten Energiereserven vor dem Tod, lacht sie. Der Professor wollte kein Hühnchen, es gab Fisch. Janner kommt nach Hause, er hat sein T-Shirt wieder an. Welche Feier, fragt er. Nein, ich habe nicht gefeiert. Ich kann mich an nichts erinnern. Uromas Keuchen, Uromas Husten. Sie fragt nicht mehr, was ich über Medizin weiß, sie trinkt heiße Zitrone.

SerieGuapi-10

Guapi, Tag 10

Der Marsch soll um 9 Uhr beginnen, doch es ist niemand da. Irgendwann um 10.30 Uhr haben sich genügend Menschen gesammelt. Es sind viele, mehrere Tausend. Wie von Alvaro angekündigt. Für den Frieden. Die meisten Leute wurden aus den umliegenden Dörfern und Gemeinden eingesammelt, von Alvaro, von anderen Lidern, vor allem von den Hauptorganisatoren der sozialen Bewegung Marcha por la Paz. Sie verteilen aT Shirts, kurz entsteht eine kleine Unruhe unter den Flüchtlingen, es sind nicht genügend für jeden da. Wie mit dem Essen, nie ist genügend für alle da, immer müssen sie sich streiten. Pasqual schaut verständnisslos, als ihn jemand aus der ersten Reihe wegstößt. Er bekommt keines mehr ab. Auf den T-Shirts steht: beidseiter Waffenstillstand. Und: Marcha Patriotica. Auf den Bannern steht: keine Luftangriffe, kein unnötiges Blutvergießen. Die Organisatoren zahlen den angereisten Menschen Sprit, Essen und Unterkunft. Vorne wird mächtig Stimmung gemacht: Paz, Paz, Paz, rufen sie durch Lautsprecher, aber kaum jemand ruft mit. Es ist heiß, die Leute schwitzen in der Sonne, die Motivation hält sich in Grenzen. Jeder will Frieden, aber alleine wären viele wohl nicht auf die Idee gekommen auf die Straße zu gehen und ihre Wut hinauszuschreien. Paz, Paz, Paz zu schreien. Sie wurden eingesammelt und jetzt laufen sie mit, streifen sich die T-Shirts über, wedeln ein wenig mit ihren Fahnen, rufen manchmal kurz: Todos queremos la paz. Und lachen. Nein, wir gehen nicht hin, sagt Doña Teo, die benutzen das doch nur für ihren Wahlkampf. Auf dem Platz werden Reden gehalten, alle kommen zusammen, manchmal klatschen sie laut und rufen: Paz, Paz, Paz. Aber am lautesten sind die Redner selbst. Der Direktor von Cococauca spricht, er sagt: Paz. Er sagt: die Gemeinden des Pazifik, Afros, Indigene. Er sagt: Zusammenhalten, sagt: Gemeinsam, eine Stimme. Er sagt: großes, deutliches Zeichen. Er sagt: Waffenstillstand. Beidseitiger Waffenstillstand. Die Regierung muss jetzt endlich handeln, es muss endlich Schluss sein. Wie viele der Leute, die ihm zuhören, fühlen das Zusammehalten, das Gemeinsam und wie viele denken sich: Egoismus, Korruption? Ruben wirkt deplatziert, schwenkt seine Fahne in Zeitlupe über seinem Kopf, sucht sich einen Platz im Schatten.

Alvaro ist seit 6.30 Uhr unterwegs, da klingelte sein Handy das erste Mal. Es war eine neue Gruppe mit Booten über den Fluss angekommen. Wo essen wir und wer bezahlt das? Alvaro rennt umher, schüttelt Hände, hat für jeden sein warmes Lächeln, wirkt immer entspannt. Erst 14 Stunden später fällt er fix und fertig in sein Bett, er hatte keine einzige ruhige Minute. Ein wichtiges Zeichen für den Frieden, sagt Alvaro, wir sind sehr zufrieden. Wie viel Liter Benzin habt ihr gebraucht, wie viel Geld braucht ihr fürs Essen, er schreibt alles auf seine Notizzettel, ständig klingelt sein Handy. Und dann ist da noch das Treffen der Flüchtlinge von Alto Guapi am Nachmittag. Sie müssen ihre Forderungen noch einmal präzisieren, morgen ist das wichtige Treffen mit der Alcadia. Das nächste Treffen. Wir wissen nicht, wann wir zurückkönnen, sagt Alvaro, hoffentlich nächsten Monat. Es geht voran, heute war ein großer Tag für den Frieden, sagt er, morgen ist das nächste Treffen, sagt er.

Elver sagt: es passiert so wenig, es passiert viel zu wenig. Wir müssen uns besser organisieren. Er kommt von einem Treffen mit einer Fundación für Salud. Wir haben besprochen, wie wir uns besser organisieren, sagt Elver. Für ganz wenige kommt Hilfe, aber den meisten Kranken kann ich nicht helfen, sagt er, nichts kommt an, es passiert zu wenig. Die meisten sterben, weil sie sich keinen Artzt leisten können. In zwei Tagen fährt er nach Popayan, das nächste Treffen, wieder besprechen, das zu wenig passiert. Wir wollen nach Bogotá, unsere Forderungen stellen, aber wer zahlt den Flug, wer zahlt das Hotel, fragt er. Ich habe keine Hilfe, von nirgendwo kommt Hilfe, von nirgendwo kommt Geld. Cococauca hilft nicht, zahlt nichts. Wie sollen wir nach Bogotá. Übermorgen reist er zum nächsten Treffen nach Popayan, dort werden sie besprechen wie unmöglich es ist, nach Bogotá zu reisen.

Librada macht Lucero die Harre neu, seit zwei Tagen lief sie mit ihren krumm abgeschnittenen Büschelkopf durch den Ort. Man sah ihr an, dass sie sich schämt, dass sie wieder ihre Zöpfe will. Die Anderen arbeiten einfach nicht, sagt Librada, wir sind zehn Frauen in unserer Hühner-Fundación, aber nur ich und eine Freundin arbeiten. Alle Hühner sind bei mir, es arbeitet einfach keine von ihnen. Sie sagt es ohne Zorn. Zuverlässigkeit kennt man hier nicht, es wird niemandem übel genommen, es ist normal. Wir hatten schonmal 300 Hühner, aber alle Hühner sind bei mir, ich kann mich nicht alleine um 300 Hühner kümmern, unmöglich. Jetzt haben wir nur noch 80. Wir brauchen einen Raum, wo wir die Hühner halten können, wir müssen einen Raum kaufen, aber uns fehlt das Geld, keiner hat Geld. Keiner hat Geld, sagt Librada.

Die Sonne verbrennt die Haut, die Flamme flackert direkt neben den Gesicht, die Flamme sitz im Nacken, auf der Brust. Der Schweiß rinnt die Stirn hinunter, die Haut ist feucht, versucht sich zu wehren, schüttet neue und neue Flüssigkeit aus, um die Flamme einzudämmen, doch die Flamme ist stark, ist geduldig, ist unverwüstlich. Die Flamme siegt immer. Alles liegt im braunen Matsch, über wackelige Bretter balanciert man sich durch die Schlammwüste, die Häuser sind aus Holz gezimmert, stehen auf meterhohen Stelzen im Schlamm, warten, dass das Wasser wieder kommt, ein bisschen Feuchtigkeit, ein bisschen Wind gegen die Flamme. Sansta Monica liegt am Rande von Guapi, wer nichts hat, kein Haus, kein Geld, siedelt sich hier an, zimmert sich aus Brettern, Stelzen und Aluminium eine Bleibe über dem Morast. Santa Monica geht direkt in den Wald über. Hier leben fast nur Flüchtlinge. Und zivile Guerilleros, Milicias. Die Paramilitärs seien vertrieben seit einem Jahr, sagen manche, andere schauen sich nervös um und sagen: es kommen seltsame Leute, es kommen immer mehr seltsame Leute.

In Cecilias Haus ist ein Bett und eine Hängematte. Durch die Lücken zwischen den Holzbrettern dringt wenig Licht. Die kargen Räume im Halbdunkel, Leben irgendwo im Zwischen. Abstellgleis, Lagerhalle. Das alte Radio empfängt kein Signal mehr, es ist trotzdem noch an, es rauscht, es kratzt. Cecilia kocht eine Suppe, draußen, über dem Feuer. Es ist das Haus einer anderen Familie, sie sind vor zwei Jahren vor den Paramilitärs geflohen und seitdem nicht mehr zurückgekommen. Cecilia weiß nichts von ihnen. Wenn sie wieder kommen, weiß sie nicht wohin. In Charco, Nariño hatten wir unser Haus, unsere Platanos, unseren Verkauf, unser Boot, in Charco hatten wir alles, aber dann kamen diese Leute vom Berg, sie kamen und gingen, kamen und gingen. Sie können dich umbringen. Cecilia redet leise, sie spricht wenig aus. Sie fährt sich mit ihrer Hand über den Hals, sie legt den Zeigefinger auf die Lippen, legt immer wieder den Zeigefinger auf die Lippen. Gefechte, tagelang, sagt sie, wir flohen, versteckten uns, hatten drei Tage nichts zu essen, sagt sie. Alles zerstören sie, sagt sie, alles. Sie hält ihren Arm wie ein Gewehr, sie töten dich, sie hält ihren Arm wie ein Gewehr und macht Schussgeräusche, sie töten dich, sagt sie. Ay señor, dios mio, sie schüttelt den Kopf, sie schaut an einem vorbei, Tränen in den Augen.

Ey, novia, ruft Elver. Elver ruft jeder Frau, jedem Mädchen auf der Straße ey novia entgegen, kneift ihnen in den Arm. Alle hier sind seine Geliebten. Früher hatten die Afros hier 5 Frauen, sagt er. Er hätte am liebsten das ganze Dorf zu Frau. Novia! Novia! Jede versucht er in ein Gespräch zu verwickeln, doch die meisten laufen weiter, winken ihm kurz.

Mansillia hat einen diabolischen Blick, ihre schwarzen, leeren Pupillen befinden sich nie in der Mitte der Augen, sie hängen am oberen Augenlid, festgetackert, lugen immer nur zur Hälfte hinaus, verstohlen, scheu und doch durchdringend, starr und durchdringend. Sie verstecken sich unter der Haut und halten dich fest mit ihrer Steinhand, halten deinen Hals, drücken leicht, tasten, warnen, sagen: wir können jeden Moment ganz herausspringen, wir können zudrücken, wir fressen dich, wenn du uns zu Nahe kommst, wir kauen dir dein Fleisch ab, bei lebendigem Leibe. Mansillias schwarze, leere Pupillen umklammern den Raum, den Stuhl, den Wind, Mansillias schwarze, leere Pupillen löschen die Flamme der Sonne. Mansillia flüstert, ihre Worte verschwimmen mit dem Rauschen der Blätter, nein, ich erinnere mich nicht mehr, sagt sie, ich erinnere mich nicht mehr. Nur: jeder einzelne hatte sein eigenes Haus. Und: diese schlimme Menschen. Los grupos. Und: Angst. Ihr Mund ist eingefallen. Ihr Nachname ist Paz. Frieden.

Lue ist alleine mit ihren 7 Kindern. Sie haben drei Freunde ermordet in der Nacht, alle haben wir die Schüsse gehört. Dann sind wir geflohen. Alle sind wir geflohen. Und noch einmal: alleine. Keine Arbeit, keine Hilfe, immer nur Treffen und Treffen und Treffen. Seit 10 Jahren immer nur Treffen. Man verliert seine Zeit, aber nie kommt Hilfe, sagt sie. Ihre Stimme ist ein Reibeisen, eine Säge, schneidet sich durch ihre Geschichte. Und hier, in Guapi, me mataron mi marido, sie haben meinen Mann getötet, und noch einmal: alleine. Alleine, mit meinen 7 Kindern. Die Gewalt, sagt Lue, die Gewalt lässt sie nicht los. Ja, die Gewalt, sagt Lue, die Gewalt ist hier sehr groß, wir wollten wo anders hingehen, aber wo sollen wir hin? Wir haben nichts. Und wieder: alleine. Und wieder: keine Hilfe. Lue sagt: müde. Sie sagt: langweilig. Sie sagt: ich will arbeiten. Nein, ich habe keinen Traum. Sie spielt mit den Münzen in ihrer Hand.

Ricardos Frau liegt vor dem Fernseher, die 5 Kinder rennen wild durcheinander. Die Küche hat keine Tür, das Holz ist oval ausgeschnitten und geht in den Raum über. Ein großes Banner hängt darüber. Feliz Navidad, frohe Weihnachten, steht darauf. Es ist Ende Juli. Hinten im Garten ist ein Hahn, kräht den ganzen Tag, keiner nimmt es wahr. Drei Hühner hält Ricardo im Haus. Wir haben auf dem Berg gewohnt, sagt er, vor zwei Jahren kamen wir hier her. Die Soldaten kamen, los grupos, sagt er, und: tagelange Gefechte. Dort haben wir uns gegenseitig ausgeholfen, wenn einer mal wenig hatte, dort hat man sich etwas geschenkt, getauscht, hier schenkt niemand niemandem etwas. Hier ist das Leben sehr teuer. Hier müssen wir alles kaufen, oft haben wir tagelang fast nichts zu essen. Aber nein, dort will ich nicht mehr leben, es war sehr hart, was uns passiert ist, sehr hart, sagt er, eine Freundin von uns wurde niedergeschossen, es war sehr hart, sagt er. Nein, ich will nicht zurückgehen. Der Hahn kräht, verschluckt seine Stimme.

Benito kommt zu Besuch, er lacht sein zahnloses Lachen, klopft Ricardo auf die Schulter. Das Wichtigste, was ich habe, ist das Leben, sagt er. Und lächelt. Es ist das Größte, das Schönste. Das Leben. Er weiß, was es bedeutet am Leben zu sein, sein Bruder, seine Frau, sein Sohn, alle sind tot. Das Leben, sagt er und lächelt sein zahnloses Lächeln. Wenn man die Hoffnung verliert, stirbt man. Dann ist man tot. Ich hoffe auf ein besseres Leben, die Hoffnung ist da, ein schönes Haus, gut gebaut, einen Fernseher, ein besseres Leben für meinen Söhne. Ohne Hoffnung, stirbt man, sagt er. Er lächelt sein zahnloses Lächeln.

Weitermachen, sagt Gisela. Sie hält die Tränen zurück. Sie ist kämpferisch. Immer weitermachen. Sie sagt: meine Söhne und ich, alle haben wir Tag und Nacht gearbeitet, jeden Peso haben wir zurückgelegt und jetzt unsere Tienda aufgemacht. Schritt für Schritt weitermachen, sagt sie. Nicht aufgeben, sagt sie. Die Vertreibung ist unglaublich hart, sagt sie, triste, triste. Los grupos, sagt sie, Santa Monica war zona roja, sagt sie, Todeszone. Nein, ich rede nicht gerne darüber. Es ist furchtbar, furchtbar. Sie macht Schussgeräusche, und sie schmeißen die Körper in den Fluss, schmeißen sie einfach weg. Es ist furchtbar, sagt sie. Meine Söhne sind nicht mehr zur Schule, sie haben sie eingespannt um Drogen zu verkaufen, um Wache zu halten, sie waren noch Kinder. Es ist alles in Ordnung, Mama. Aber nein, Lügen. Lügen, sagt sie. Ich habe ihnen gesagt: lasst meine Söhne bitte in Ruhe, sie gehen zur Schule, ich will keinen Ärger. Nein, beruhig dich Gisela, haben sie gesagt. Aber nein. Lügen. Lügen, sagt sie. Und in der Nacht kamen sie, zu dritt, mit ihren Pistolen und haben mich geschlagen, vergewaltigt. Keiner konnte etwas tun, alle hatten wir Angst, sagt sie. Dann sind wir geflohen, aber nirgendwo konnten wir bleiben, nicht in Buenaventura, nicht in Cali. Wo können wir hingehen? Trauma, sagt sie. Meine Söhne haben immer noch ein Trauma. Ich wollte sterben, sagt sie. Ich wollte sterben. Sie sagt: Riesiges Trauma. Und: Furchtbar, sagt sie. Aber: weitermachen. Zusammenhalten. Meine Söhne helfen mir. Zusammenhalten. Wir haben ein Jahr sehr sehr hart gearbeitet, sagt sie. Meine Söhne lernen in der Nacht und arbeiten am Tag. Jetzt haben wir unsere Tienda, jetzt können wir weitermachen. Tag für Tag. Weitermachen.

Das Wasser kommt schleichend, jede Minute steigt es ein bisschen mehr, erst wässert es nur den Schlamm, weicht die von der Flamme eingebrannte Kruste auf, dann steigt es, ganz langsam, steigt jede Minute ein bisschen mehr. Auf einmal stehen die Häuser in einem Fluss, vom Meer genährt, Tag für Tag. Bretter und Brücken verbinden sie miteinander. Die Frauen sitzen vor ihrer Haustüre und waschen Wäsche, schöpfen das Wasser. Die rote Abendsonne spiegelt sich im Fluss, das rote Licht schmiegt sich an die Wange des Wassers, streichelt es ruhig, rhythmisch. Bald gehen wir schlafen, Liebes, sagt es. Die Kinder stehen nackt auf der Brücke, sie lachen, sie springen, machen Saltos, klettern auf die Bäume, sie toben. Jeder grüßt jeden, alle sind draußen. Die rote Abendsonne spiegelt ihre Lächeln, bald kommt die Nacht, Liebes, sagt sie, bald kommt die Nacht.

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