„Alle wussten, was im Land passiert“ – Interview mit Luz Porras Bernal

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Foto: Ariel Arango

Die Fälle der sogenannten falsos positivos gehören in Kolumbien zu den schlimmsten Staatsverbrechen der letzten 15 Jahre. Tausende Zivilisten wurden vom Militär verschleppt, ermordet und als tote Guerilleros präsentiert, um die Statistiken im Krieg gegen die Guerillagruppen aufzubessern.

Ein Ende Juni erschienener Bericht von Human Rights Watch untersucht die Fälle zwischen 2002 und 2008 und belegt die Verwicklung ranghöchster Generäle. Luz Marina Porras Bernal kämpft seit sieben Jahren als Mitglied der »Madres de Soacha« (Mütter von Soacha) gegen die Straflosigkeit für die Mörder. Ihr Sohn war einer der 19 jungen Männer, die 2008 in der Stadt Soacha in der Provinz Cundinamarca von der Armee verschleppt und ermordet wurden. Sie ist eine der bekanntesten Persönlichkeiten des Widerstands und nahm an den Friedensverhandlungen zwischen der kolumbianischen Regierung und der Guerilla Farc im kubanischen Havanna teil.

JB: Dein Sohn verschwand im März 2008 von einem Tag auf den anderen spurlos. Nachdem ihr 8 Monate überall nach ihm gesucht hattet, kam im September die Nachricht, dass sich seine Überreste in der Gerichtsmedizin über 600 Kilometer entfernt in Ocaña befinden würden und dein Sohn als Guerillero im Gefecht gefallen sei. Wie reagierte der Staat und wann wusstest du, dass du in den Widerstand gehen würdest?

Luz Bernal: Zuerst standen wir natürlich unter Schock und der Schmerz war riesig. Im ersten Moment, als ich die Überreste meines Sohnes in Santander abholte, dachte ich: Jetzt ist alles vorbei. Aber am 7ten Oktober hielt Alvaro Uribe Velez (Anmerkung: der damalige Präsident) eine Rede, in der er wörtlich sagte: die Jugendlichen von Soacha seien nicht zum Kaffeepflücken in Santander gewesen, sondern um Krieg zu führen. Das brachte mich als Mutter sehr auf und ich entschied mich dazu, mich dem Staat und der Regierung gegenüberzustellen, um den Namen meines Sohnes reinzuwaschen. Mein Sohn hatte eine geistige Behinderung und hätte niemals eine illegale Gruppe anführen können, wie es behauptet wurde. Die Worte von Uribe waren entwürdigend und taten sehr weh.

JB: In dieser Zeit hast du dich mit vielen der Mütter der 19 anderen aus Soacha entführten Jugendlichen zusammengetan, um für sie einzustehen. Wie war der Anfang des Widerstandskampfes?

Luz Bernal: Es war für uns sehr schwer, wir haben an Demonstrationen teilgenommen, aber die Medien in Kolumbien wollten unsere Geschichte nicht hören. Im Gegenteil haben sie die Realität sogar verzerrt und den bereits entstandenen Schaden noch vergrößert. Unsere Söhne wurden auch von ihnen als Guerillakämpfer dargestellt, ihnen wurde eine kriminelle Vergangenheit und vieles mehr nachgesagt. Es war sehr schmerzhaft zu lesen, dass man Sohn angeblich eine kriminelle Vergangenheit gehabt haben soll.

JB: Heute ist das anders, du und die anderen Mütter gelten als „Madres de Soacha“ als Symbol der Widerstandes und die Medien haben breit von den Fällen der „Falsos Positivos“ berichtet. Wie hat sich das geändert?

Luz Bernal: Wir haben permanent mit verschiedenen Aktionen als „Madres de Soacha“ auf die Verbrechen aufmerksam gemacht, durch Forderungen an den Staat, Anklagen, mit Demonstrationen, Ausstellungen, Performances oder Theaterstücken. Zuerst haben sich internationale Medien für die Geschichte interessiert und mit der Zeit begannen auch die kolumbianischen Medien anders über die Fälle zu berichten. Später wurden wir weltweit eingeladen, unsere Geschichte zu erzählen, man hat uns die Möglichkeit gegeben, international Anklage zu erheben: in Deutschland, Spanien, Belgien, Holland und den USA.

JB: Fühlt sich das für dich an, wie ein Erfolg?

Luz Bernal: Der Prozess war nicht einfach und vor allem ist es nicht nur ein Kampf für Gerechtigkeit in den 19 Fällen von Soacha, sondern für ein ganzes Land. Die Fälle von Soacha sind nur ein Beispiel für die, auch heute noch andauernden, systematischen Verbrechen des Staates. Wir reden heute von über 5 700 Fällen und wir stehen stellvertretend in der Verantwortung, diese Ungerechtigkeit immer weiter anzuprangern. Es war sehr hart, die Anklagen aufrechtzuerhalten, wir werden verfolgt und erhalten Morddrohungen. Aber irgendjemand muss die Verbrechen anklagen. Und ja natürlich, haben wir Erfolge erzielen können. Doch leider muss man auch sagen, dass es bis heute nur bei einem der 19 Fälle von Soacha zu einem Gerichtsurteil kam, aber immerhin haben wir erreicht, dass sich die Staatsanwaltschaft heute auch mit den verwickelten Generälen befasst und nicht nur mit den Soldaten.

JB: Also fühlt es sich auch nach 7 Jahren Kampf noch so an, als würdet ihr am Anfang eines Prozesses stehen?

Luz Bernal: Man kann sagen, dass wir einige kleine Schlachten gewonnen haben, aber eine wirkliche Genugtuung hätten wir erst, wenn es in allen Fällen ein Gerichtsurteil geben würde und vor allem, wenn der Staat seine Verbrechen zugibt und anerkennt. Es sind Verbrechen gegen die Menschlichkeit, in denen Zivilisten ermordet wurden, damit die Regierung Erfolge ihrer Kriegsmaschinerie vorwiesen konnte. Ich glaube, ich wäre erst wirklich glücklich, wenn der Staat und das Militär ihre Verbrechen gegen die Menschlichkeit und all die Folgeschäden einsieht und zugibt. Und auch heute noch unter der Regierung von Santos gibt es Fälle von „Falsos Positivos“, es sollen mehr als 300 sein. Es ist ein System, das trotz allem immer noch besteht und nie aufgehört hat.

JB: Du hast von Verfolgungen und Morddrohungen gesprochen. Welche Rolle spielt die Angst heute in deinem Leben?

Luz Bernal: Die Morddrohungen haben 2009 angefangen und am Anfang hatte ich sehr große Angst, denn die Drohungen waren extrem. Und am größten ist die Angst natürlich auch noch seine anderen Kinder zu verlieren. Von einer anderen „Madre de Soacha“ wurden nach den Drohungen auch der zweite Sohn ermordet. Wir haben deshalb unsere Kinder von zuhause weggeschickt. Aber die einzige Alternative wäre gewesen, die Verbrechen nicht anzuklagen, ich musste eine Entscheidung treffen. Ich kann entweder schweigen, oder mich der Situation und dem Risiko stellen. Ich habe das Risiko gewählt, habe gewählt, die Verbrechen weiterhin aufzuzeigen, weil wenn niemand die Wahrheit ausspricht, die Verbrechen immer weitergehen. Ich hatte nie eine Hilfe der Staatsanwaltschaft oder des Innenministeriums zu meinem Schutz, ich denke mein Schutzschild war es vor allem, international anzuklagen und deutlich zu machen, dass wenn meiner Familie oder mir etwas passiert, der Staat, die Regierung oder das Militär verantwortlich ist. Sie sind verantwortlich für den Tod meines Sohnes. Jetzt habe ich keine Angst mehr. Ich denke die Angst ist zu dem Wissen geworden, dass mir eines Tages etwas passieren kann. Aber ich verteidige zigtausende kolumbianische Jugendliche, die in diesem Moment in Gefahr sein könnten. Ich denke, ich bin eine Verpflichtung eingegangen, nicht nur im Fall meines Sohnes, nicht nur in den Fällen von Soacha, meine Verantwortung ist die Anklage für ein ganzes Land mit tausenden Opfern. Es gibt viele Personen, die zuviel Angst haben, um die Verbrechen öffentlich anzuprangern und sie diese erzählen. Ich habe eine Verpflichtung gegenüber ihnen, ich kann nicht einfach aufhören. Die Arbeit, die ich mache, ist die Stimme eines Landes zu sein.

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Foto: Ariel Arango

JB: Dein Sohn Leonardo hatte eine geistige Behinderung und die Behauptung des Militärs, er wäre der Anführer dieser FARC-Einheit gewesen, deshalb noch absurder. Auch deswegen ist sein Fall bis jetzt der einzige der Fälle von Soacha bei dem es eine Verurteilung gab. Bist du zufrieden mit dem Urteil?

Luz Bernal: Natürlich ist es befriedigend, weil zum ersten Mal anerkannt wurde, dass innerhalb des Militärs eine kriminelle Gruppe existierte und vor allem, weil anerkannt wurde, dass die Ermordung meines Sohnes ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit war. Mit diesem Urteil muss man jetzt für das Land kämpfen und dafür sorgen, dass sie nicht nur den Fall meines Sohnes anerkennen, sondern auch all die anderen Taten. Ich denke, es ist der exemplarische, historische Fall, in dem zum ersten Mal ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit anerkannt wurde, anerkannt wurde, dass es eine gewaltsame Entführung gab, dass es einen Mord gab und eine falsche Denunziation von Seiten des Staates.

JB: Wie sieht dein Widerstandskampf heute aus?
Luz Bernal: Mein Kampf ist ein Kampf des Anprangerns, der Demonstrationen und vor allem der Kunst: durch Musik, Poesie, Theater, Film, Ausstellungen, Performances. Der Kampf ist sich mit anderen Opfern auszutauschen und zusammenzutun, überall über die Verbrechen aufzuklären, in Schulen, aber auch international. Dieser Austausch, die Reisen und das Wissen, dass wir uns dadurch angeeignet haben, hat uns die Kraft gegeben, diesen Kampf immer weiterzuführen. Wir wollen einen Unterschied machen in unserem Land, das diesen so dringend benötigt.

JB: Welche Macht hat für dich die Kunst in diesem Kampf?

Luz Bernal: Die Kunst hat für mich die größte Kraft von allen, weil durch die Kunst kann man die Menschen erreichen, ihnen ein bisschen von dem Schmerz und der Traurigkeit weitergeben. Wenn wir zum Beispiel auf der Bühne stehen und ein Theaterstück spielen, ist es in diesem Moment etwas, dass direkt aus unseren Herzen geboren wird: die Geschichte unserer Söhne zu erzählen, zu erzählen, was passiert ist. Es ist für uns sehr traurig und schmerzhaft, aber auf diese Weise lassen wir den Zuschauern sehr direkt an dieser Realität teilnehmen und sie verstehen. Ich glaube die Kunst spielt eine fundamentale Rolle in der gesamten Problematik. In der Kunst gewinnen wir ein Terrain der Anklage, mit der Stimme der Opfer des Konfliktes.

JB: Heute widmest du dein ganzes Leben diesem Kampf, während der Schmerz immer noch tief sitzt. Ist der Widerstandskampf für dich auch eine Form der Trauer, welche Rolle hat er?

Luz Bernal: Ich denke durch die Kunst konnten wir den Schmerz entladen. Es ist wie eine Therapie für uns und gleichzeitig etwas sehr kommunikatives, dass diesen Aspekt des Schmerzes an die Menschen weitergibt.

JB: Ein wichtiger Punkt in eurem Kampf heute ist es aufzudecken, dass es eine Systematik mit Verantwortung bis in die höchsten Ränge gab und es nicht nur um Einzeltäter handelt, wie vom Staat impliziert.

Luz Bernal: Ja, die einfachen Soldaten erhielten den Auftrag von den Befehlsträgern und auch diese haben einen General und einen Minister. Alle wussten, was im Land passiert, die Soldaten erhielten Belohnungen und wurden befördert. Es ist ein System. Es ist sehr traurig, dass viele Soldaten nicht darüber reden wollen, was in Wirklichkeit passiert ist. Unsere Hoffnung ist es, dass irgendwann alle in die Verbrechen involvierten Militärs ihre Taten eingestehen und wir so die ganze Wahrheit erfahren können.

JB: Welche Bedeutung hat in diesem Kontext der letzte Woche veröffentliche Bericht von Human Rights Watch, der Beweise vorlegt und viele der aktuell noch wichtigen Generäle im Militär direkt anklagt, Verantwortung für die Taten zu tragen?

Luz Bernal: Die Bedeutung ist für uns sehr groß, vor allem weil durch den Bericht wieder über die Taten gesprochen wird. Es ist für uns auch eine Bestätigung, wenn es Untersuchungen und Ermittlungen gibt und Human Rights Watch hat das über Jahre gemacht und legt jetzt wichtige Fakten vor. Es ist eine Hilfe für den Prozess und die Opfer in Kolumbien und für unsere Forderung, dass endlich die Befehlsträger untersucht und belangt werden müssen.

JWB Präsident Santos hat den Bericht entschieden zurückgewiesen und öffentlich gesagt, er werde die beschuldigten Generäle und das Militär „bis zum Grab verteidigen“. Was denkst du über seine Reaktion?

Luz Bernal: Natürlich reagiert er so, er muss dem Militär sagen: „Vertraut mir, ich werde euch beschützen, ich werde euch bis ins Grab verteidigen“. Santos war zu dieser Zeit Verteidigungsminister. Er reagiert offensichtlich so, weil er nicht will, dass die Militärs reden, weil er nicht will, dass sein Name mit den Ermittlungen in Verbindung gebracht wird, also muss er das Militär verteidigen. Und deshalb kämpft er auch gegen die Opfer des Konfliktes mit der Ausweitung der Militärgerichtsbarkeit. Es ist seine Angst, dass sein Name im Kontext der Falsos Positivos in den Medien auftauchen könnte, weil irgendwann einer der Generäle sagt: „die Befehle kamen vom Verteidigungsminister und vom Präsidenten“. Er handelt offensichtlich aus Angst.

JB: Du sprichst die Ausweitung der Militärgerichtsbarkeit an, Präsident Santos erreicht mit diesem Gesetz, dass wesentlich mehr von Soldaten begangenen Verbrechen vor internen Militärgerichten verhandelt werden und nicht mehr auf staatlicher Ebene. Was denkst du zu dieser Strategie?

Luz Bernal: Die Einführung des Gesetzes ist ein Betrug an den Opfern. Vor allem, weil es dieses Gesetz ermöglichen wird, dass die Fälle der Falsos Positivos weiterhin in Straffreiheit bleiben. Und die Fälle, bei denen wir es geschafft haben, dass sie von einem Militärgericht zu einem ordentlichen Gericht verlegt wurden, werden nun wieder vor einem Militärgericht verhandelt. Ich glaube nicht, dass ein Militär einen anderen Militär in diesen Fällen verurteilen wird, denn das hiesse zuzugeben und zu akzeptieren, dass es innerhalb des Militärs eine große kriminelle Gruppe gibt, die systematische Verbrechen begeht. Ich denke, das wird niemals passieren. Santos versucht eine Realität zu vertuschen, die heute immer noch passiert, damit sein Name nicht mit den Fällen in Verbindung gebracht wird. Und die 3% der Fälle, in denen es aktuell einen Prozess gibt, schreiten überhaupt nicht voran. Die Anwälte der Soldaten torpedieren und verzögern die Prozesse. Ich glaube, dass es eine fast vollständige Straffreiheit in den Fällen der Falsos Positivos geben wird.

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Foto: Ariel Arango

JB: Was denkst du war die Rolle von Santos, trägt er eine direkte Verantwortung für die Fälle der Falsos Positivos?

Luz Bernal: Ja, natürlich trägt er Verantwortung und nicht nur der damalige Präsident Alvaro Uribe Perez. Es gab zu dieser Zeit ja auch schon viele Personen, die auf die Fälle aufmerksam machten. Zum Beispiel Gustavo Petro 2006 im Kongress. Santos wusste, dass es ein System von Falsos Positivos im ganzen Land gab, ohne etwas zu unternehmen.

JB: Im Gegensatz zu Santos laufen gegen Ex-Präsidenten Uribe Untersuchungen. Für wie wahrscheinlich hälst du eine Verurteilung, zum Beispiel vor einem internationalen Gericht in Den Haag, gerade in Anbetracht der Tatsache, dass er enge Verbindung zum Westen und vor allem der USA hatte?

Luz Bernal: In diesem Punkt gibt es ein sehr großes Unwissen, Uribe hat und hatte sehr viele internationale Beziehungen, was einen solchen Prozess natürlich erschwert. Aber wir denken auch, dass sich das ändern wird, wenn wir als Opfer weiter für unsere Rechte kämpfen und aufzeigen, dass er die Verantwortung für viele der Verbrechen trägt, die in den 8 Jahren seiner Präsidentschaft passiert sind. Seine Verurteilung ist ein Traum, der aber sicher nicht innerhalb kurzer Zeit eintreten wird, aber es ist möglich. Denn schon heute werden nicht nur seine Verbindungen zu den Fällen der Falsos Positivos untersucht, sondern es geht auch um Massaker, um die Ermordungen von Bürgermeistern und massive Vertreibungen von Indigenen, Bauern und Afro-Kolumbianern.

JB: Für viele Kolumbianer ist Uribe immer noch ein Volksheld, der in ihren Augen fast die FARC besiegt hätte und für viele andere ein Verbrechen. Was bedeutet das für das Klima im Land?

Luz Bernal: Ja, traurigerweise gibt es noch sehr viele, die seine politische Agenda stark unterstützen und das ist gefährlich, da er versucht den Friedensprozess zu torpedieren. Aber ich denke, es ist eine Minderheit, die den Friedensprozess nicht will. Und für niemanden ist es ein Geheimnis, dass er einer der Gründer illegaler bewaffneter Gruppen war. Ich glaube eines Tages wird die ganze Wahrheit ans Licht kommen und die Leute werden ihre Denkweise ändern….Ich weiß es nicht, ich will einfach nicht meinen Traum verlieren. Ich habe eine große Hoffnung darauf, dass wir unseren Enkeln etwas Gutes für die Zukunft hinterlassen können.

JB: Bei den letzten Präsidentschaftswahlen hatten nur Santos und der Kandidat von Uribe Erfolgsaussichten, beides Politiker, die für dich eine direkte Verantwortung für die Verbrechen der Falsos Positivos tragen. Wie fühlt sich diese politische Realität für dich an?

Luz Bernal: Puh…Ich weiß es nicht. Ich warte, ich warte darauf, dass es einen mittelfristigen Wechsel geben wird, dass Santos nicht an der Macht bleibt. Ich denke, dass wir andere Ansätze für Kolumbien brauchen. Und natürlich, die Angst davor, dass die Partei von Uribe zurück an die Macht kommen könnte, ist riesig. Man kann einfach nur hoffen…die Mehrheit dieser Leute sind aus der Oberschicht und die vom Konflikt betroffen sind wir, aus den unteren sozialen Schichten, die Indigenen, die Bauern, die Afro-Kolumbianer, die Oberschicht interessiert das nicht. Wir hoffen, dass sich das eines Tages ändern wird. Ich weiß nicht wann, wir müssen warten.

JB: Aber vor allem ist es wahrscheinlich ein Gefühl der Machtlosigkeit, wenn nach mehr als 7 Jahren des Widerstandskampfer immer noch diese zwei Personen die politische Sphäre bestimmen?

Luz Bernal: Natürlich, man fühlt sich machtlos, es tut weh, es macht mich sehr traurig zu sehen, dass sich die Denkweise der Leute nicht ändert und sie auch die Folgeschäden der Politik und des Konfliktes sehen. Wir können nicht viel mehr tun, wir hoffen einfach weiter und oft fühlen wir uns machtlos und wissen nicht, wie wir diesen Wechsel erreichen können. Es ist etwas mit dem wir leben müssen, Tag für Tag. Es sind die kleinen Erfolge, die uns die Kraft geben weiterzumachen. Es ist: träumen, aufstehen und weiter warten, dass eines Tages der erhoffte Wechsel kommt.

JB: Heute präsentiert sich Santos als ein „Präsident des Friedens“. Was denkst du über seine neue Rolle?

Luz Bernal: Santos musste sein früheres Profil verändern, um den Friedensprozess überhaupt führen zu können. Meiner Meinung nach hat er eine Art doppelte Persönlichkeit, denn wenn er als Präsident wirklich an einem Friedensprozess interessiert wäre, würde er die Militärausgaben senken und dafür sorgen, dass es weniger Menschenrechtsverletzungen gibt. In La Guajira sind in den vergangenen Jahren mehr als 5000 Kinder verhungert und verdurstet, während die Regierung von Santos weiterhin Unsummen an Geld in diesen absurden Krieg steckt. Als ich in Havanna mit der Regierung und der FARC am Verhandlungstisch teilnahm, haben wir einen Waffenstillstand gefordert. Doch die Regierung hat kein Interesse daran, genauso wie ich bezweifle, ob Santos wirklich am Friedensprozess interessiert ist.

JB: Du sprichst die Friedensverhandlungen in Havanna an. Du wurdest letztes Jahr ausgewählt, als eine von 12 Personen die Opfer des Konfliktes zu repräsentieren und hast an den Verhandlungen teilgenommen. Wie fühlst du dich dabei? Denkst du, dass ihr überhaupt einen Einfluss habt?

Luz Bernal: Zuallererst bin ich zufrieden, dass ich eine wichtige Rolle spielen konnte und wir wichtige Vorschläge eingereicht und Forderungen gestellt haben. Anderseits denke ich, dass es mehr Austausch zwischen dem Verhandlungstisch und den Opfern des Konfliktes geben müsste, damit wir wissen, wie viele der Vorschläge und Forderungen überhaupt diskutiert werden. Bisher haben wir nur gesehen, dass zwei unserer Punkte in die Agenda aufgenommen wurden: die Forderung nach einem Waffenstillstand, den die FARC für einige Monate einseitig umgesetzt hat, doch der leider heute durch die neue militärische Eskalation wieder aufgehoben ist und die Entminung des Landes, die jetzt wirklich beginnt, was für uns sehr befriedigend ist. Trotzdem bräuchten wir ein zweites Treffen, in dem man uns aus erster Hand informiert, ob sie unsere anderen Vorschläge überhaupt diskutieren.

JB: Weder die FARC noch die Regierung haben ihre systematischen Verbrechen eingestanden. Wie groß ist die Angst, dass beide Delegationen den Prozess nutzen, um am Ende in Straffreiheit zu bleiben?

Luz Bernal: Ja, die Angst ist natürlich groß. Bei meiner Teilnahme am Friedensprozess hat die kolumbianische Regierung weder ihre Menschenrechtsverletzungen, und erst recht nicht die Verbrechen der “Falsos Positivos“, zugegeben. Während die Delegation der FARC uns um Vergebung bat und ihre Menschenrechtsverletzung eingestand. Ich glaube, dass es durch diesen Prozess ein große Straffreiheit geben wird, vor allem auf der Seite des Staates. Darüber hinaus können wir keine große Bereitschaft der Regierung erkennen, dass der Friedensprozess wirklich zu einem glücklichen Ende kommt. Es gibt viele Verzögerungen, aber am meisten besorgt uns, dass es während der Friedensverhandlungen immer noch zu Menschenrechtsverletzungen von Seiten der Regierung kommt, wie im Cauca gegenüber den Indigenen, im Chocó, in Catatumbo, in Monte de Maria, in La Guajira, wo Kinder verhungern.

JB: Denkst du ein Frieden in Straffreiheit ist überhaupt möglich?

Luz Bernal: Nein. Für mich bedeutet Frieden, den verursachen Schaden einzugestehen und dazu beizusteuern, dass sich das nicht wiederholen wird. Die Straflosigkeit in Kolumbien ist riesig und wird riesig bleiben. Sehr viele Personen, die große Verletzungen gegen die Menschenrechte begangen haben, Vergewaltigungen, Folterungen, Mord, Menschenhandel, all diese Fälle werden ohne Folgen bleiben. Das wissen wir. Auch, weil wir überhaupt nicht wissen, was für Vereinbarungen in Havanna getroffen werden, weil weder die kolumbianische Zivilgesellschaft, noch wir, die „repräsentativen“ Opfer des Konfliktes, wissen, wo der Prozess wirklich steht.

JB: Müsste für die Chance auf einen wahren Frieden die Zivilgesellschaft stärker eingebunden werden?

Luz Bernal: Für mich ist ein Friedensprozess nicht nur das Abkommen in Havanna, nicht nur die Unterschrift von Santos. Frieden kann es nur mit sozialer Gerechtigkeit geben und wenn der Staat, die FARC, die Paramilitärs, die ELN, die Bacrim ihre Taten wirklich vollständig eingestehen, so dass die Opfer endlich die ganze Wahrheit hören können und dass man uns erlaubt unsere toten und verschwundenen Familienmitglieder zu finden und vollständig zu beerdigen. Bis heute hat man mir nur 50% der Überreste meines Sohnes übergeben und sie wissen, wo die Toten sind. Da gibt es viele Spielereien, aber es ist für uns sehr wichtig, weil ihre Körper sind ein Teil Erinnerung.

JB: Du denkst, dass immer Straffreiheit herrschen wird und der Staat seine Taten nicht anerkennen wird. Was gibt dir trotzdem Hoffnung, was lässt dich weiterkämpfen?

Luz Bernal: Die Suche nach den Überresten meines Sohnes lässt mich immer weiter kämpfen, vorher werde ich keine Ruhe geben. Aber auch jede Frau meines Landes, jede Mutter, jede Schwester, jede Tochter, die für Wahrheit und Frieden kämpft, treibt mich immer wieder nach vorne. Sie zu unterstützen. Denn wir brauchen Frieden. Wir sind müde, nach mehr als 50 Jahren in einem absurden Krieg. Wir haben niemanden darum gebeten Opfer zu sein, wir haben keinen Täter zu ihren Verbrechen aufgefordert. Wir wurden hier hineingeworfen, durch den Tod unserer Familienmitglieder. Wir wurden auf eine sehr große Probe gestellt und kämpfen jetzt für einen Frieden, den wir wirklich so dringend brauchen, für unsere Generation, für unsere Enkel, die Enkel unserer Enkel. Sie müssen nicht auch in diesem absurden Krieg aufwachsen, für den wir schon eine sehr hohe Rechnung gezahlt haben. Unser täglicher Kampf ist für die Erinnerung, für die Geschichte und für das Recht, der nach uns kommenden Generationen, in Würde zu leben. Aber der Prozess wird erst gelingen, wenn alle kolumbianischen Bürger mithelfen. Wenn wir es nicht gemeinsam machen, wenn wir nicht jetzt für einen Frieden kämpfen, können wir in einem Land wie Kolumbien nicht in Würde leben.

JB: Eine der wichtigsten Vorraussetzungen von Frieden ist Versöhnung und Vergebung. Könntest du dir in deinem Fall vorstellen, den direkt Verantwortlichen zu verzeihen, aber auch den Generälen, Santos oder Uribe?

Luz Bernal: Um ehrlich zu sein, habe ich nie darüber nachgedacht. Vor allem, weil die Wunder in meinem Herzen noch immer klafft und blutet. Es ist ein sehr schwieriger Moment. Wir hatten nie eine psychologische Betreuung nach dem Verlust unserer Söhne, wir waren nicht darauf vorbereitet und genauso wenig sind wir jetzt darauf vorbereitet den Tätern zu vergeben. Ich kann darüber nichts sagen…Wie könnte ich einer Person verzeihen, die ihre Taten nie eingestanden hat? Es ist ein sehr schwieriges Thema. Um verzeihen zu können, muss man zuerst zufrieden sein, dass die Wahrheit ausgesprochen wurde, müssen die Taten vollständig anerkannt sein. Auch wenn die Wunde sehr sehr groß ist, das ist es, was die Mehrheit der Opfer des Konfliktes brauchen, um von Versöhnung reden zu können. Wir brauchen die Akzeptanz und die Anerkennung der Verbrechen und all der Folgeschäden.

JB: Denkst du es gibt eine Möglichkeit des Friedens ohne Versöhnung?

Luz Bernal: Nein, das denke ich nicht. Und die kolumbianische Regierung wartet darauf, dass die bewaffneten Gruppen ihre Taten eingestehen und sind dabei selbst verantwortlich für etliche Menschenrechtsverletzungen. Aber sie werden ihre Taten nicht anerkennen, sie werden nicht sagen: „Ja, wir haben das getan, wir als als bewaffnete Einheiten des kolumbianischen Staates haben schwere Menschenrechtsverletzungen begangen, wir geben die Fälle der Falsos Positivos zu.“

JB: Du sprichst von Straffreiheit, einer fast unmöglichen Versöhnung und sozialer Ungerechtigkeit. Wenn man dir zuhört, merkt man, für wie schwierig du einen wahren Frieden für Kolumbien hälst. Hast du trotzdem auch Hoffnung?

Luz Bernal: Ich träume. Ich träume von einem Land, dass sich wirklich in Frieden befindet. Einem Land, in dem man in Ruhe leben kann, ohne irgendeine Angst vor gewaltsamen Entführungen, vor Folter, Vergewaltigungen, Rekrutierungen von Minderjährigen. Ich träume von Gleichheit und das wir in Ruhe leben können, in einem so wunderschönen Land wie Kolumbien. Es wird schwierig, es kommt sehr viel auf uns zu. Auch die Integration all der Kämpfer nach einem möglichen Friedensabkommen, Menschen, die seit Jahrzehnten eine Waffe in der Hand hielt.

JB: Aber das ist der Traum. Denkst du es wird wirklich passieren, hast du eine Hoffnung?

Luz Bernal: Puh…Ich würde mir natürlich wünschen, dass das passiert und sich mein Traum erfüllt, dass wir nicht mit noch mehr Schmerz und Traurigkeit leben müssen. Ich denke, wenn wir unseren Kampf weiterführen und uns weiter gegenseitig unterstützen, wenn wir weiter für unsere Rechte kämpfen, immer weiter unsere Idee von unserem Land einfordern, von der wir wirklich träumen, ich denke ja, dann gibt es eine Möglichkeit, dann gibt es Hoffnung. Es wird nicht einfach und es wir nicht von heute auf Morgen gehen. Aber ich hoffe, dass sie so schnell wie möglich Ergebnisse in Havanna erzielen und wir voranschreiten können. Aber positive Ergebnisse für das Land und die Zivilgesellschaft, dass es einen langen und nachhaltigen Frieden mit sozialer Gerechtigkeit geben kann. Anderseits scheint uns die Bereitschaft der Regierung von Santos nicht so groß zu sein. Ich denke, es ist wichtig aufzuzeigen, dass die kolumbianische Regierung nicht so kompromissbereit ist, wie international angenommen, sondern, dass ihre Politik im Kontrast zu dem steht, was in Havanna passiert. Das während Santos durch Europa reist und für Unterstützung wirbt, in der gleichen Zeit in Guajira Kinder verhungern und verdursten, der Staat indigene Gemeinden bekämpft, einfach Bauern auf ihrem eigenem Land terrorisiert. Ich denke diese Widersprüche müssen wir aufzeigen.

Artikel JungleWorld: http://jungle-world.com/artikel/2015/29/52332.html

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