Indigene Proteste: Wem gehört das Land?

Während der kolumbianische Präsident Juan Manuel Santos am Mittwoch bekannt gab, einen Monat lang Luftangriffe auf FARC-Stellungen auszusetzen, gehen zeitgleich staatliche Sicherheitskräfte im Departement Cauca mit Panzern und Schusswaffen gegen zehntausende indigene Demonstranten vor.

Die Gewalt eskaliert

Mit jedem Tag steigt die Zahl der Verletzten und mindestens 5 Demonstranten mussten mit kritischen Schusswunden ins Krankenhaus eingeliefert werden. Die genaue Zahl festzustellen, ist schwierig, da sich die Angaben stark unterscheiden. Indigene Organisationen sprechen von über 110 verletzten Demonstranten, während die Regierung 57 verletzte Indigene,aber 68 verletzte Polizisten zählt.

Aktuell besetzen die Demonstranten mehrere Farmen und fordern in ihrer Aktion „Befreiung der Mutter Erde“ über 25.000 Hektar Land, die ihnen vom Staat in verschiedenen Abkommen versprochen wurden. Héctor Fabio Nicué, Anführer der indigenen Organisation ACIN, sagt gegenüber El Espectador: „Wir werden die Farmen nicht räumen, bis die Regierung ihr Versprechen hält“. Obwohl die Santos Administration zugibt, Abkommen gebrochen zu haben, wiederholt sie vehement, sich den Forderungen der Demonstranten nicht beugen zu wollen. Am Donnerstag reiste eine Delegation der UNO, der Kirche und des kolumbianischen Staates in die Region, um zwischen den Konfliktparteien zu vermitteln.

Wem gehört das Land?

Seit über 50 Jahren findet sich der zweitgrößte indigene Stamm Kolumbiens, die NASA, im Kreuzfeuer des kolumbianischen Bürgerkrieges wieder. In ihrem traditionell unbewaffneten und gewaltlosen Widerstand fordern sie das ihnen per Verfassung zustehende Recht auf Autonomie im eigenen Territorium und vom kolumbianischen Staat die Rückgabe von Land.

Die oft durch Gewalt manifestierte ungleiche Verteilung von Land führt seit Jahrhunderten zu Konflikten in Kolumbien und gerade Cauca ist nach dem Instituto Geográfico Agustín Codazzi eine der Regionen mit der höchsten Landkonzentration. Oder wie es in einem Bericht der Vereinten Nationen formuliert ist: „Das beste Land in Cauca befindet sich in wenigen Händen“. Gleichzeitig leben nach Angaben des nationalen staatlichen Statistikamtes 62% der Bürger in Armut, 34% davon in extremer Armut.

Wiedergutmachung für Massaker

In ihren aktuellen Forderungen beziehen sich die Indigenen unter anderem auf die Anweisung der Comisión Interamericana de Derechos Humanos an den kolumbianischen Staat, den indigenen Gemeinden 15.600 Hektar Land als Kompensation für das Massaker von El Nilo zu übertragen.

Bei dem Massaker wurden 1991 21 Mitglieder der NASA von Paramilitärs gefoltert, zerstückelt und ermordet. 1995 bestätigte der kolumbianische Staat öffentlich seine Komplizenschaft der Tat und versprach den Indigenen die Reparationen.

Wie bei fast allen Versprechungen und Abkommen der letzten 20 Jahre, hielt die Regierung auch in diesem Punkt nicht ihr Wort. Symbolisch besetzten die Indigenen auch die Farm, von der aus die Tat am 16ten Dezember 1991 geplant wurde.

Um welchen Frieden geht es?

Mitten in den Friedensverhandlungen steht die aktuelle Krise sinnbildlich für die Frage, ob Frieden in Kolumbien funktionieren kann. Der Landkonflikt und der Umgang mit der Frage um Wiedergutmachung von Kriegsverbrechen wird auch zukünftig Brandherd von sozialen Konflikten sein. Die Chancen eines dauerhaften Friedens hängen massgeblich davon ab, wie die Regierung auf Forderungen und gewaltlosen Widerstand aus der Zivilbevölkerung reagiert.

Oder wie es eine Demonstrantin gegenüber Colombia Informa sagt: „Den Frieden, den wir hier entwerfen, ist nicht der Frieden der Demobilisierung, sondern es ist der Frieden der sozialen Gerechtigkeit. Der Frieden ist nicht nur in den Händen der bewaffneten Akteure und des Staates, der Frieden muss in den Händen der zivilen Organisationen und der Gemeinden sein“.

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