Der Terror an der Zivilbevölkerung von Buenaventura geht weiter

Regierungsmassnahmen zeigen nur marginale Erfolge

Nachdem die humanitäre Krise in der kolumbianischen Hafenstadt Buenaventura mit Vertreibungen, grausamen Morgen, Schutzgelderpressungen, sexuellen Übergriffen und der Rekrutierung von Kindern durch kriminelle Banden Anfang 2014 ihren Höhepunkt erreichte, gab der kolumbianische Präsident Santos im März 2014 eine nationale „Spezialintervention“ für die Stadt bekannt.

Doch nach einem Jahr sind die Resultate ernüchternd. Ein neuer Bericht von Human Rights Watch zeigt, dass immer noch die selben alarmierenden Zustände herrschen. José Miguel Vivanco, Amerika-Direktor bei Human Rights Watch, sagt dazu: „Seit den Ankündigungen der Regierung ist ein Jahr vergangen und mächtige kriminelle Organisationen terrorisieren noch immer die Bürger. Die Regierungsmassnahmen haben zwar geholfen die Gewalt zu reduzieren, aber die brutale Kontrolle der Gangs in vielen Nachbarschaften ist ungebrochen“.

Seit einigen Jahren ist Buenaventura grausamer Schauplatz eines Krieges zwischen den zwei rivalisierenden kriminellen Banden „Los Urabeños“  und „La Empresa“ geworden. Während die „Los Urabeños“ 2006 aus der offiziell demobilisierten paramilitärischen Gruppierung AUC entstanden und deren Drogengeschäfte weiter ausbauten, ist „La Empresa“ ein Ableger des größten regionalen und in ganz Kolumbien agierenden Drogenkartells, den „Los Rastrojos“. Auch die „Rastrojos“ rekrutierten 2006 zahlreiche demobilisierte paramilitärische Kämpfer. Nachdem 2012 drei Köpfe der „Rastrojos“ festgenommen und an die USA ausgeliefert wurden, agierte die Gruppe in der Folge ohne echte Führungsriege und in kleineren Zellen, verteilt im ganzen Land. Laut insightcrime gehen die kolumbianischen Strafverfolgungsbehörden davon aus, dass die Organisation heute noch ca. 1600 Mitglieder hat, was einen Rückgang um 20% bedeutet. Diese Schwäche versucht die rivalisierende Gruppierung der „Urabeños“ auszunutzen, um wichtige Territorien an sich zu reißen.

Konflikt um die regionale Vorherrschaft

Primär geht es den Banden darum, die Vorherrschaft über das Drogengeschäft in der Region zu erlangen. Buenaventura ist schon lange eines der begehrtesten Territorien der kolumbianischen Unterwelt. Von einem Labyrinth aus Mangrovenwäldern umringt, bietet die Hafenstadt perfekten Zugang zu den Kokainverarbeitungslaboratorien und dient als Startpunkt der Drogenboote Richtung Mittelamerika. Die Stadt selbst gilt darüber hinaus als Drehkreuz für Geldwäsche, Schutzgeldepressungen und ist zusätzlich interessant durch ihre Nähe zu illegalen Minen. Neben diesen Interessen der kriminellen Banden, weist Bischof Bischof Héctor Epalza, der letztes Jahr eine Demonstration gegen die ausufernde Gewalt in der Stadt anführte, auf einen weiteren Aspekt hin. Gegenüber Semana verdeutlicht er der Verbindung von Gewalt, Vertreibungen und den Expansionsprojekten des Hafens: „die blutigsten Konflikte gibt es aktuell dort, wo große Hafen-Infrastrukturprojekte stattfanden oder stattfinden werden“.

„casas de pique“ und Vertreibungen der Bevölkerung

Trotz des seit März erhöhten Polizeiaufkommens sind unverändert ganze Viertel der Stadt zwischen den rivalisierenden Banden aufgeteilt und laut den Recherchen von Human Rights Watch reicht oft schon das unangemeldete Übertreten von „unsichtbaren Grenzen“ in diesen Vierteln, um zum Opfer von schwerer Gewalt zu werden. Die grausamste Praxis sind die sogenannten „casas de pique“, auf deutsch „Zerstückelungshäuser“, in denen die Banden ihre Opfer bei lebendigem Leib mit Macheten foltern und in Stücke schneiden. Die makabere Praxis dient ihnen als Abschreckung, um in ihren Territorien Angst zu säen und als Taktik, Ermittlungen zu verhindern. In den wenigsten Fällen tauchen die Opfer auf und so werden die Ermittlungen schnell eingestellt oder gar nicht erst aufgenommen. Die genauen Motive hinter den Taten zurückzuverfolgen ist schwierig, da nur ein minimaler Anteil der Fälle wirklich untersucht wird, aber es ist anzunehmen, dass die Opfer oft in die Mitte des Bandenkonfliktes geraten, sei es, indem sie sich Befehlen widersetzen, die Interessen der Gruppen gefährden, oder verdächtigt werden, Verbindungen zur rivalisierenden Gang zu haben.

Anfang 2015 fand die Polizei mehrere Massengräber mit den Überresten von 18 Personen, mindestens 12 von ihnen wurden in der Periode nach der „Spezialintervention“ der Regierung zerstückelt und die Dunkelziffer an Opfern wird um einiges höher liegen. Obwohl das Auffinden der Gräber eine direkte Folge der verstärkten polizeilichen Bemühungen ist, zeigen die neuen Gräber auch, dass die Resultate der „Spezialintervention“ für die Situation der Bevölkerung aktuell nur marginal sind. Alleine seit der Ankündigung von Santos wurden durch die Ableger der paramilitärischen Gruppierungen mindestens 6900 Bürger aus ihren Häusern vertrieben, womit die Gemeinde immer noch die höchste Rate an gewalttätigen Vertreibungen in ganz Kolumbien aufweist. Die Mordrate sank zwischen April und Dezember zwar von 150 auf 96, was aber nicht zwangsläufig mit einer verbesserten Sicherheitslage interpretiert werden muss, sondern auch daran liegen kann, dass die Banden ihre Opfer vermehrt in Gräbern verstecken, anstatt sie wie in den Jahren zuvor offensichtlich ins Meer zu schmeißen. Diese Theorie würde auch den leichten Anstieg auf offiziell 44 vermisst gemeldete Personen im Jahr 2014 erklären.

Straflosigkeit und zu wenige Ressourcen

Zwar erhöhte die Regierung die Zahl der Ermittler und konnte dadurch kleine Erfolge und eine Zunahme an Verhaftungen erzielen, doch ein Beispiel aus dem neu vorliegenden Bericht von Human Rights Watch verdeutlicht, dass es sich dabei eher um einen symbolischen Akt handelt und die Regierung mit diesen Ressourcen nicht davon ausgehen kann, einen derart entgleisten Konflikt in den Griff zu bekommen. So zeigt der Bericht auf, dass aktuell nur eine Person in Buenaventura Vollzeit zu den vermissten Personen ermittelt. Sie bearbeitet dabei alleine mehr als 400 Fälle, in keinem gab es seit 2010 eine Verurteilung. Auch bei den gemeldeten Morden wurden zwischen 2010 und 2014 nur 2% der Fälle aufgeklärt, bei 639 angezeigten Fällen von sexuellen Gewalt kam es zu 7 Verurteilungen, bei 467 Fällen von gewalttätigen Vertreibungen zu keiner einzigen. Viele Opfer berichten gegenüber Human Rights Watch, dass sie nach einer Anzeige manchmal monate- bis jahrelang von der Polizei hingehalten werden.

„Die Regierung von Santos ist weit entfernt davon, ihr Versprechen die Bedingungen in Buenaventura zu verändern, zu erfüllen“, sagt Vivanco von Human Rights Watch. „Die Behörden müssen viel mehr unternehmen, um den Terror in Kolumbiens größter Hafenstadt zu beenden und den Opfern Gerechtigkeit zu bringen“.

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