„Der Frieden ist eine Illusion“ – Gewaltloser indigener Widerstand im Norden Caucas

1. Kind

Es ist der 17te Juli 2012. Niemand hatte gedacht, dass es so viele werden. Von überall her kommen sie nach Toribío, der Kleinstadt im Norden Caucas, die von der kolumbianischen Presse so gerne als das „Bagdad Kolumbiens“ bezeichnet wird. Zu tausenden fahren sie in überquellenden Bussen, Pick-Ups und auf Motorrädern aus den umliegenden Orten in die indigene Gemeinde. 

Sie tragen abgenutzte Jeans und Gummistiefel voller Schlamm, einige haben sich Ponchos übergeworfen, andere Tücher in rot und grün, den Farben ihres Widerstandes. Ihre Haut ist dunkelbraun, gegerbt von der intensiven Bergsonne, die Körper klein und drahtig, geformt von jahrelanger Arbeit auf den Feldern. Sie alle sind Mitglieder der Guardia Indígena, einer gewaltlosen Selbstverteidigungsgruppe, die 1971 vom zweitgrößten indianischen Stamm Kolumbiens, den NASA, reaktiviert wurde. Der Guardia gehören Männer und Frauen aller Altersgruppen an, als Erkennungszeichen tragen sie einen mit rotem und grünem Stoff behängten Holzstock, den „baston de mando“. Für alle ist es eine Ehre ihn tragen zu dürfen, seit Jahrhunderten beschützen ihre Vorfahren damit friedlich ihr heiliges Land. Jeder kann sich noch an den Moment erinnern, als sie ihn das erste Mal trugen, übergeben vom Vater, vom Großvater, von Respektspersonen der Gemeinde. Der „baston de mando“ ist für sie keine Waffe, er ist ein Symbol für Autorität und Zugehörigkeit. Alle auf den zahllosen Ladeflächen der Pick-ups halten den Stock in ihren rissigen Arbeiterhänden, sie alle blicken nach vorne auf die Silhouette von Toribío. In der Kleinstadt kam es in den letzten Wochen fast täglich zu Zusammenstößen zwischen dem kolumbianischen Militär und der Guerillagruppe FARC. Immer wieder werden Zivilisten Opfer der Gefechte, über 1000 von ihnen mussten fliehen. Die Spuren des Krieges sind über all zu sehen. Die von Bomben zerstörten Häuser, die Einschusslöcher der Maschinengewehre in der Fassade des Schulgebäudes. Mitten in der Stadt liegt der Cerro Berlín, ein heiliger Ort für die NASA. Es ist einer der Plätze, an denen die traditionellen Heiler seit Jahrhunderten in Ritualen Kontakt zu ihren Ahnen suchen, um Gleichgewicht und Harmonie zwischen Mensch und Natur herzustellen. Das kolumbianische Militär hat auf dem Berg einen Stützpunkt errichtet, für sie ist er nicht heilig, sondern schlicht und einfach ein strategisch wichtiger Posten. Doch der Posten liegt mitten in der Stadt und macht dadurch die Zivilbevölkerung zu Zielscheiben der Kugeln beider Kriegsakteure. Als die Guardias im Ort ankommen, sind sie euphorisiert. Überall laufen ihre Kameraden durcheinander, 1000 von ihnen zelten seit einer Woche am Fuße des Berges, um den Forderungen ihrer Anführer Nachdruck zu verleihen. Die Forderungen sind simpel: alle bewaffneten Einheiten, egal ob vom kolumbianischen Staat oder der FARC, sollen sofort die Stadt verlassen und den Krieg abseits der Zivilisation austragen. Die ACIN und die CRIC, indigene Organisationen, die für die Rechte der Bürger kämpfen, haben ein Ultimatum gestellt, das heute abläuft. Vor einer Stunde gab der Bürgermeister der Stadt den Soldaten ein letztes Mal Aufschub, um 10.30 Uhr läuft er, wie alle anderen den „baston de mando“ in der Hand haltend, auf die Soldaten zu. 2 5000 Mitglieder der Guardia Indígena begleiten ihn, die Bewohner Toribíos mischen sich unter sie. „Wir wollen keine Gewalt mehr, das Sterben muss aufhören!“, ruft eine Frau im mittleren Alter, ihr Blick irgendwo zwischen Wut und Verzweiflung. „Versteht ihr denn nicht, dass wegen euch unsere Kinder sterben?“ Ihre Stimme bricht kurz, sie zieht sich ihr rot-grünes Stofftuch über die Augen.

Videoaufnahmen von Demonstranten:

Jeder von ihnen stand schon oft Soldaten gegenüber, versuchte die Kämpfe von den Gemeinden, von ihren Familien und Freunden, fernzuhalten. Zu oft hat all das nichts gebracht, zu oft waren sie auf Beerdigungen, hörten die Klagen ihrer Stammesmitglieder. Doch heute ist es anders, heute sind sie stärker, heute fühlen sich die Soldaten trotz ihrer Maschinengewehre nicht mehr so mächtig wie sonst. Alle schreien wild durcheinander, pfeifen, klatschen. Umringt von den Massen stehen die Soldaten überfordert um ihre Zelte. Sie wissen nicht, wie ihnen geschieht. Die Mitglieder der Guardia Indígena bauen die Zelte ab, falten sie zusammen, nehmen die Töpfe, die Waffen und tragen alles den Berg hinunter. Mit ausgebreiteten Armen versuchen die Soldaten die Menschenmasse von ihrem Stützpunkt fernzuhalten, doch sie sind machtlos. Wir sind zu viele, denken sich die Guardias, das ist unser Land, wir verteidigen unser Land. „Geht jetzt!“, ruft ein Junge von 12 Jahren zwei Soldaten zu, die sich wie in einem Sitzstreik auf den Boden zwischen die Guardias gesetzt haben. Überall reißen die mitgekommenen Bewohner Toribíos ihre Handys hoch und schießen Fotos. Im Stimmengewirr lässt sich kaum noch ein Wort entziffern und trotzdem verstehen alle das Selbe: hier passiert etwas, wir erreichen etwas, wir schreiben Geschichte. Einige Männer tragen lange Baumstämme heran und schieben damit Schritt für Schritt die Regierungstruppen den Berg hinunter. Manche sträuben sich und bleiben immer wieder stehen, doch die meisten der 60 Soldaten fügen sich nach einer kurzen Zeit und laufen zwischen der spalierstehenden Menschenmasse hindurch. Auf einmal die Schüsse eines Maschinengewehres, alle schreien durcheinander, man rennt zu dem Ort, von dem die Schüsse kommen. Sieben Soldaten weigern sich zu gehen, sie feuern Warnschüsse in die Luft. Die Menschen zucken zusammen, stieben auseinander. Einige der Soldaten schießen Tränengas in die Masse, sie selbst tragen Masken zum Schutz. Ein Mann der Guardia stürzt von hinten an einen Soldaten heran und entreißt ihm sein Gewehr, die Situation gerät außer Kontrolle. Mit einer Splittergranate in der Hand schreit ein Soldat den Guardias entgegen: „Verschwindet, oder ich schmeiße sie auf euch!“ Einige wenige der Männer haben Macheten dabei und nehmen sie in die Hand. „Steckt sie wieder ein, ihr Idioten!“, schreien die anderen Guardias ihnen zu. Immer mehr rennen heran, stellen sich den Soldaten unbewaffnet entgegen, reißen ihre Arme in die Höhe: „Willst du einen Unbewaffneten erschießen?“. Ihre Stimmen überschlagen sich, die Kameras und Handys der Indigenen nehmen jeden Moment auf. Es werden zu viele, die Soldaten lassen sich die Gewehre und die Gasmasken entreißen. Jene, die sich bis zuletzt weigern zu gehen, tragen die Guardias unter dem Applaus der Masse den Berg hinunter. Sie begleiten die Truppen an eine Stelle ca. 500 Meter außerhalb der Stadt und vereinbaren mit dem Kommandanten der Militärs, dass sich die Truppen nicht weiter nähern dürfen. Waffen, Zelte und Nahrung gibt man ihnen zurück. Kurze Zeit später kommen etliche Motorräder und Jeeps mit hunderten Wächtern die Straße hochgefahren. Sie zerren vier Guerilla-Kämpfer der FARC aus dem Wagen, ihre Gewehre, Granaten und selbstgebauten Bomben tragen die Männer der Guardia neben ihnen her. Die Guerilleros vermummen sich, ziehen sich ihre Uniformen ins Gesicht, während die Kameras der Journalisten die Situation festhalten. „Das ist unser Territorium, führt euren Krieg wo anders“, ruft einer aus der Masse. Später sollen die FARC-Kämpfer vor einem traditionellen indigenen Gericht verantwortet werden, ihre Waffen präsentiert man der Presse. Die vom Adrenalin noch weit aufgerissenen Augen der Guardias weichen langsam euphorisiertem Lachen, man klopft sich auf die Schultern, klatscht. Selten haben sie sich so gefühlt wie an diesem Tag, auch Stunden später erfüllt sie ihre Zugehörigkeit zur Guardia Indígena noch mit Stolz.

Nelson ist 18 Jahre alt und seine fast schwarzen Augen wirken wie die eines in die Jahre gekommenen Mannes, der täglich mit Angst, Tod und Gewalt konfrontiert wird. Seine kantigen Gesichtszüge lassen ihn stets etwas zu ernst wirken. Er trägt ein weißes Polo-Hemd mit dem Wappen der indigenen Widerstandsorganisation CRIC, schwarze Jeans, schwarze Gummistiefel und natürlich den baston de mando. Vom 17ten Juli in Toribío erzählt er immer noch gerne, seine Stimme wird schneller und lauter, man spürt die Begeisterung und seinen Stolz. Auch wenn die Resultate am Ende minimal sind, auch wenn die Erfolge Millimeter um Millimeter erkämpft werden, es sind diese Momente der Stärke und des Widerstandes, die den Menschen hier im Norden der Cauca-Region Kraft geben. Die sie immer weiter kämpfen lassen. Millimeter um Millimeter. Für Nelson ist heute ein besonderer Tag, denn er ist verantwortlich für den Schutz aller Teilnehmer der Veranstaltung zum 43jährigen Geburtstag der CRIC in Tacueyo, ein Ort im Nachbartal von Toribío. Es ist das erste Mal, dass er die Verantwortung trägt, sein Koordinator reiste in ein anderes, in diesen Tagen von schweren Kämpfen erschüttertes, Dorf der Region. Das politische Projekt CRIC wurde 1971 von den Lidern Caucas als Plattform ihres gemeinsamen Kampfes gegründet. Seitdem tritt die Organisation offensiv für ihre Ziele ein: ihren Anspruch auf Land, die Stärkung der Autonomie der Gemeinden sowie die Verteidigung der eigenen Territorien, Kultur und Sprache. Nelsons Augen leuchten, als die Lider und Mayores aus allen Gebieten Caucas eintreffen, er sie begrüßt und ihnen einzelne Guardias zum Schutz zuweist. Viele der Lider sind seit Jahrzehnten große Widerstandskämpfer, einige haben Attentate überlebt und alle vertreten gegenüber dem kolumbianischen Staat, Guerillas und Paramilitärs entschlossen die Interessen der indigenen Gemeinden. Viele ihrer Vorgänger und Mitstreiter mussten das mit dem Leben bezahlen.

Nelson und die Guardia Indígena
Nelson und die Guardia Indígena

Die Themen sind in den letzten Jahren die Selben geblieben. Noch immer kommt es permanent zu militärischen Auseinandersetzungen zwischen den Guerillakämpfern der FARC und dem kolumbianischen Militär, Auseinandersetzungen, die auch heute noch mitten in den Dörfern ausgefochten werden und etliche Opfer in der Zivilbevölkerung fordern. Nelson erinnert sich, wie am Tag, nachdem die Guardias die Soldaten vom Cerro Berlín trugen, in den kolumbianischen Medien das Bild der vom eigenen Tränengas weinenden Soldaten gezeigt wurde, wie Präsident Santos öffentlich bekannt gab, die Guardia Indígena handele auf Anweisung der Guerillas und man müsse die Militärpräsenz in der Region demzufolge verstärken. Nelson erinnert sich, wie Militär und Spezialeinheiten der Polizei unter massiver Anwendung von Gewalt den heiligen Berg Berlín zurückeroberten. Er erinnert sich, dass dabei 26 Mitglieder der Guardia verletzt wurden und dass Regierungstruppen am Folgetag zwei unbewaffnete Indigene bei Zwischenfällen erschossen. Er erinnert sich auch, dass in den kolumbianischen Medien nach wie vor nur die Rede von der Schande und der Demütigung des Militärs war, dem gewaltsamen und unrechtmäßigen Entfernen der Truppen von ihrem Stützpunkt, und kein Wort von der wirklichen, von den Soldaten selbst ausgehenden, Gewalt. Und kein Wort von dem in der kolumbianischen Verfassung verankerten Recht der indigenen Gemeinden ihre Territorien selbst zu regieren. Und kein Wort von der, auch in der Verfassung verankerten, Pflicht des Staates bei der Errichtung von Militärbasen innerhalb dieser Territorien das Einverständnis der Gemeinden einholen zu müssen. Kein Wort davon, dass diese Rechte seit ihrem Bestehen systematisch ignoriert werden. Nelson erzählt all das emotionslos, er rattert die Fakten hinunter. Für ihn ist es Normalität, es war nie anders. Deswegen reaktivierte die CRIC 1971 die Guardia Indígena, deswegen treffen sich auch 43 Jahre nach der Gründung der CRIC ihre Lider heute hier, um über zukünftige Widerstandsstrategien zu beraten. Die Freude über das Wiedersehen ist groß, man lacht und umarmt sich. Doch die Realität des Krieges ist allgegenwärtig.

Luis Acosta, nationaler Koordinator der Guardia Indígena
Luis Acosta, nationaler Koordinator der Guardia Indígena

Jeder, der in dieser abgelegenen Region in den kolumbianischen Bergen lebt, nimmt auf irgendeine Weise am Krieg teil. Einige der Kinder sagen, sie wollen Guerillakämpfer werden, andere sagen, sie wollen zum kolumbianischen Militär. Sie lachen. Sie sind Brüder. Eine Waffe zu haben, erscheint Kindern ein sinnvoller Traum, wenn man fast täglich mit Angst konfrontiert wird, fast täglich sehen muss, wie jene, die Waffen haben, über jene ohne Waffen nach Belieben bestimmen können. Nelson erinnert sich, wie die Kämpfer der FARC immer wieder den Unterricht störten, um Jungen für ihren Kampf zu rekrutieren, wie sie sich vor die Klasse stellten und Reden über ihre politischen Ideologien hielten, wie Mitschüler dem Ruf zur Waffe folgten, wie ein Lehrer, der sich gegen die FARC stellte, wenige Wochen später bei einem Attentat starb. Er weiß, dass viele der Bauern mittlerweile Kokain und Marihuana anbauen und damit eine Konfliktspirale stärken, die sich direkt gegen ihre eigenen Gemeinden und Familien richtet. Er weiß, dass viele andere ihm im Ort immer wieder vorrechnen, wie die Preise für Früchte und Gemüse in der Stadt seit den Freihandelsabkommen mit der USA und der EU Jahr für Jahr in den Keller sinken, während die Transportkosten aus dem Kriegsgebiet konstant steigen. Und dass sie jedes Jahr laut mit dem Gedanken spielen, wie viel mehr Sicherheit ihren Familien doch der Anbau von ein wenig Marihuana oder Koka bringen würde. Nelson selbst hat sich für die Guardia Indígena entschieden, für den Kampf um den Erhalt seiner Kultur, für den Schutz seines heiligen Landes. Die Guardia Indígena bietet ihm, wie so vielen Jugendlichen in seinem Alter, eine Alternative. Sie gibt ihnen ein Identifikationsgefühl und das Gefühl etwas zu unternehmen gegen die Kriegsrealität.

Blick von Tacueyo auf die Berge Caucas
Blick von Tacueyo auf die Berge Caucas

Zwischen vielen anderen Themen diskutieren die Teilnehmer der Versammlung in Tacueyo genau diese Probleme. Wie schaffen wir es eine Alternativwirtschaft aufzubauen, dass unsere Bauern nicht von der Armut in den Drogenanbau getrieben werden? Wie bewahren wir unsere Kinder davor, den bewaffneten Gruppen in die Hände zu fallen? Wie schaffen wir es unsere in der Verfassung verankerten Rechte durchzusetzen? Auch wenn sie schon seit Jahrzehnten Widerstand leisten und die Lider und Mayores die Konfliktspirale mit einer beinah schon pessimistischen Klarheit analysieren, strotzen alle Teilnehmer vor Tatendrang. In der als Hauptsaal der Veranstaltung dienenden großen Scheune lauscht Nelson gebannt den Worten seiner Vorbilder. Seine Augen leuchten. Einer der Lider rekapituliert Erfolge des Widerstandskampfes. Er erinnert die Zuhörer daran, dass 2006 hunderte Guardias den von der FARC entführten Bürgermeister Toribíos Arquímedes Vitonás unbewaffnet aus der Gefangenschaft befreiten. Erinnert sie, dass 2004 tausende von ihnen in die Millionenstadt Cali zogen, um den Forderungen der CRIC an den Staat Nachdruck zu verleihen. Dass 2006 sogar über 20 000 den panamerikanischen Highway blockierten und letztendlich 2013 die wochenlangen Großdemonstrationen rund um den Ort La Maria in einem Abkommen mit der Regierung mündeten. „Dieses Abkommen müssen wir jetzt umsetzen!“, hallt es durch die Scheune. Aufrecht sitzt Nelson auf seinem Plastikstuhl, klatscht Beifall und ruft mit den Anderen: „Adelante, compañeros!“.

Kochtöpfe für das Mittagessen
Kochtöpfe für das Mittagessen

Von nebenan zieht Dampf aus riesigen Kochtöpfen in den Raum, vier stämmige Frauen bereiten das Mittagessen für alle Teilnehmer vor. Es gibt ein Stück Fleisch, ein wenig Reis und Kochbananen. Alle essen gemeinsam und waschen danach ihre Plastikteller wieder ab, egal ob einfacher Bauer oder Lider, in der Gemeinde funktionieren sie als Kollektiv. Auf dieser Einsicht fuße auch die Grundidee der Guardia Indígena, erklärt Nelson: „Wir agieren nicht alleine, wir agieren durch die Gemeinschaft und das macht uns stark“. Das Motto lautet „Guardias somos todos“ und dementsprechend setzt sich auch Nelsons kleine Gruppe aus Männern und Frauen sämtlicher Altersstufen zusammen. Sie alle sind unbewaffnet und völlig egal ob ein 14jähiger Junge oder eine 60jährige Frau, sie alle sind bereit zum Schutz ihrer Gemeinde, ihr Leben aufs Spiel zu setzen.

Es ist der 20te Januar 2014. Alle sind mit ihren Kräften am Ende. Seit Tagen sehen sie die anderen Guardias öfter, als ihre eigenen Familien, sind sie permanent auf den Beinen, laufen die staubigen Bergwege Tacueyos entlang, suchen nach scharfen Bomben, konfrontieren immer wieder Guerillas und Regierungstruppen in der unmittelbaren Nähe des Dorfes, holen gefährdete Familien aus ihren Häusern. Seitdem die Regierungstruppen am 28ten November 2013 mehrere Stellungen rund um Tacueyo bezogen haben, toben regelmäßig Gefechte. Eine Bombe schlug im Schuldach ein, immer wieder suchen beide Seiten während der Kämpfe Schutz hinter Häuserwänden, immer wieder geraten Zivilisten ins Kreuzfeuer. Ein Koordinator der Guardia Indígena spricht in sein Funkgerät, um ihn herum versammeln sich 10 weitere Wächter. Die Gruppe besteht aus vier kleinen, stämmigen Frauen zwischen 40 und 70, drei drahtigen Teenagern, zwei Männern und einem dürren Jungen von vielleicht 14 Jahren. Sie alle haben schwarze Haare, die Männer und Jungen kurzgeschoren, die Frauen zu Zöpfen zusammengebunden. In der Region sind weitere solcher Trupps unterwegs. Mit Funkgeräten und Handys verständigen sie sich untereinander, um wenn nötig schnell eine stattliche Anzahl Wächter zusammenbringen zu können. Über ihnen kreist ein Hubschrauber der Regierungstruppen. Er kreist dort schon seit Stunden, vielleicht seit Tagen. Keiner nimmt ihn mehr wahr. Das Dröhnen gehört dazu. Es weckt sie morgens auf, wiegt sie abends in den Schlaf. Sie hören wieder Schüsse. Den ganzen Tag über schon hören sie Schüsse. Beim ersten Schuss zucken sie immer zusammen. Immer wieder, immer noch. Man weiß nie genau, wie weit weg die Gefechte sind, man weiß nie, ob ein Querschläger vielleicht doch in die eigene Richtung fliegt. Die Truppe soll herausfinden, wo genau sich die Soldaten verstecken und ob Zivilisten in Gefahr sind. Der Koordinator diktiert seinen Standpunkt ins Funkgerät und geht mit strammen Schritt den Hügel hinauf. Der 14jährige legt seine Stirn in Falten, er ist eingeschüchtert, sein Blick starr nach vorne gerichtet. Die Schüsse wirken jetzt näher, der Junge zuckt zusammen. „Aufpassen“, ruft er. Die Guardias gehen einige Schritte zurück und ducken sich. Doch viele von ihnen stehen gleich wieder am Wegrand. „Da sind sie, etwa 30 Meter den Hügel hinunter“, rufen die ganz vorne stehenden Männer und zeigen den Anderen eine Handvoll Kämpfer der FARC, die sich unten am Hang hinter Bäumen verstecken. Sie sind etwa 100 Meter vom Dorf entfernt, ein allein stehendes Haus befindet sich in unmittelbarer Nähe. Die Guardias holen die Familie hinaus, um das Ehepaar mit ihren zwei Kindern ins vermeintlich sichere Dorf zu bringen. Jetzt hören sie auch von einer anderen Stelle Schüsse. Alle sind nervös und stellen sich schützend um die Kinder. Diesmal ist es sehr nah. „Sind sie oben auf dem Hügel?“, fragt die Älteste des Trupps und blickt, unter ihrer ins Gesicht gezogenen Baseballkappe, suchend nach oben. „Ja, ich glaub schon. Lasst uns den schmalen Pfad links vom Weg hinunter nehmen. Damit sollten wir außerhalb der Schusslinie liegen“, schlägt der Koordinator vor und die Anderen folgen ihm. Gebückt gehen sie durchs Dickicht, begleitet von den Geräuschen der nahen Gefechte. Erst 50 Meter weiter fühlen sie sich in Sicherheit. Einige bringen die Familie zur Schule, wo sich die meisten Bewohner der Dorfes versammeln, andere versuchen aufs Neue den Standort der Guerillas auszumachen. Viel können sie nun nicht mehr tun. Beobachten, Warten, Hoffen. Sie alle stehen an der Grenze ihrer Belastbarkeit. Seit Tagen stellen sie sich immer wieder Regierungstruppen und Guerilleros in den Weg, die ihre Zelte oder Stellungen direkt im Ort aufschlagen. Die Diskussionen laufen jedes Mal nach dem selben Schema ab und selbst wenn die Truppen abziehen, am nächsten Tag kommen sie oder andere wieder. „Wir sind der Staat und hier zu eurem Schutz“, wird ihnen vom kolumbianischen Militär entgegnet. „Ist das hier der kolumbianische Staat oder nicht? Ist das Kolumbien oder nicht?“ Die Guardias bleiben ruhig, sie haben diese Diskussionen schon oft geführt. Jedes Abziehen der Kämpfer, sei es auch nur für einen Tag, ist ein Teilerfolg. Einige der Männer setzen sich an den Straßenrand. Der Hubschrauber kreist über ihnen und ihre Augen verfolgen seinen Flug, in ihren Blicken die stille Sehnsucht nach Ruhe. Auch in diesen Pausen unterhalten sie sich über die Gefechte. „Die Guerillas haben sechs Mal geschossen und das Militär zehnmal“, zählt einer der Älteren nach. „Getroffen hat aber keiner, die spielen Ping Pong“, scherzt ein Anderer. In Wochen wie diesen ist der Krieg jeden Tag, jede Minute, präsent. Es gibt keinen Moment ohne ihn, es gibt keine anderen Themen.

Arbeit der Guardia gefilmt von Roman Langlois:

Gegen 18 Uhr werden die Gefechte immer stärker. Die FARC Kämpfer, etwas oberhalb des Dorfes versammelt, beschießen ein Bataillon des kolumbianischen Militärs, das fast mitten im Ort an einer Straße Deckung sucht. Um 18.30 Uhr hören die Guardias einen lauten Knall, alle schrecken auf. Sie wissen sofort, was es war. Tatucos, die von allen für ihre Ungenauigkeit gefürchteten Bomben der FARC. Die Explosion ist sehr nah, es muss im Dorf selbst gewesen sein. Trotz der anhaltenden Schüsse rennen sie zum getroffenen Haus. Die Bombe hat einen Teil vom Dach weggesprengt und ist im Wohnzimmer explodiert, ein junges Mädchen liegt in ihrem Blut. Sie ist ohnmächtig und regungslos. Ein weiteres Mädchen und ein Junge liegen schreiend in ihrer Nähe, auch sie mit schweren Verletzungen. Die Guardias tragen das bewusstlose Mädchen in das Ortsgebäude, wo sie versorgt und ins nächste Krankenhaus transportiert wird. Wenige Minuten später stirbt Vicky Yulieth Soto Mesa, noch auf dem Weg ins Krankenhaus, an ihren schweren Verletzungen. Sie wurde 17 Jahre alt. Die Guardia Indígena ist mittlerweile in ganz Kolumbien aktiv und umfasst 25 000 Mitglieder, allein in der Cauca Region über 7 000. Doch an diesem Abend kehrt die Machtlosigkeit in ihrer ganzen Brutalität zurück, hüllt die Männer und Frauen der Guardia in taubes Schweigen. Diese Nacht findet keiner von ihnen Schlaf.

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Das Haus in dem die Bombe einschlug

Als Nelson vor dem Versammlungsgebäude steht und mit den Anderen zu Mittag isst, schaut er auf Vickys Haus. Auch Wochen später klafft das Loch noch immer im Dach, noch immer stehen eine Kerze und Blumen am Eingang und im Wohnzimmer. Auf der anderen Seite der Straße, über dem einzigen Kiosk des Ortes, hängt ein großes Banner mit Vickys Bild. Wir wollen wahren Frieden, steht darauf, neben Vickys Namen. Am Tag nach ihrem Tod riefen die Gemeinde und ihre Lider eine permanente Vollversammlung ein und baten in Communiqués Menschenrechtsorganisationen um Hilfe. An die 2000 Mitglieder der Guardia Indígena kamen nach Tacueyo und versuchten die Kontrolle in der Region an sich zu reißen. In den folgenden Tagen beruhigte sich die Situation im Ort, die Gefechte wurden weiter entfernt von der Zivilisation geführt, oder in anderen Gemeinden. Sowie heute in Jámbalo. Das Prinzip ist das Selbe. Seitdem die Regierungstruppen ihre Präsenz dort verstärkt und fünf strategische Posten bezogen haben, antwortet die FARC mit starken Attacken. Über 68 Familien mussten fliehen, vermehrt schlagen Geschosse und Bomben in den Gebäuden der Gemeinde ein. FARC-Kämpfer übten ein Attentat auf eine Gruppe Lider und Beobachter einer indigenen Menschenrechtsgruppe aus, die sich ein Bild von der Situation machen wollte. Mit viel Glück überlebten alle, drei Männer wurden schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert und fünf weitere erlitten leichte Schusswunden. In Jámbalo ist das Alltag: allein in den letzten zwei Jahren wurden 15 Lider bei Attentaten erschossen.

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Banner zum Tod von Vicky Julieth Soto Mesa

Für die NASA in den Bergen Caucas sind es kleine Schritte, die ihnen Zuversicht geben. Nelson ist froh, dass es im Moment in seinem Ort nicht zu Gefechten kommt. „In der letzten Zeit ist es wirklich ruhig“, sagt er und lächelt „ich habe schon seit Wochen keinen einzigen Schuss mehr gehört“. Er stopft sich ein Stück Fleisch in den Mund und schlingt es hinunter. Heute fühlen sich alle sicher, die Lider, die Mayores, die wenigen Journalisten und die Bewohner des Dorfes. Die Guardia begleitet die Gäste über all hin, kontrolliert die Straße, beobachtet die Hänge vom Wegrand aus. Viel wichtiger als die erfolgreichen Aktionen, von denen sie auf der Versammlung reden, ist für die Menschen hier in den abgelegenen Bergen, dass die Guardia ihnen Stück für Stück ein Gefühl der Sicherheit zurückgibt. Immer wieder aufs Neue. Ein Gefühl, nicht tatenlos zu sein, sich zu organisieren und zusammenzuhalten. Nachdem spät Abends die letzte Diskussionsrunde zu Ende ist, spielen die angereisten Musiker noch einige Lieder. Es wird ausgelassen getanzt und gelacht. Die Besucher aus den anderen Orten schlafen in ihren Zelten, die Dorfbewohner gehen zurück in ihre einfachen Häuser.

Es ist genau 0 Uhr 30, als die FARC Attacken auf einen nahegelegenen Militärposten startet. Erst vereinzelte Maschinengewehrsalven, dann ein, zwei Bomben. Die Erde erzittert, schreckt die Bewohner Tacueyos aus dem Schlaf. In den Häusern stehen die Männer als erste am Fenster. Dann kommt die ganze Familie zusammen, eine schwangere Frau hält sich den Bauch, die verängstigten Kinder ihre eigenen Schultern. Alle versuchen auszumachen, woher die Schüsse kommen. Die Männer zeigen den Sitz der Rebellen, den des kolumbianischen Militärs und erklären, welche Raketen verschossen werden. Sie stehen gemeinsamen in ihren leeren Blicken und unterhalten sich in einsilbigen Sätzen über die so nahen, tödlichen Geschosse wie über ein Gewitter, zeigen mit dem Finger ins Tal, nicken sich gegenseitig Mut zu. Die zur Veranstaltung angereisten Musiker fangen zu spielen an, auch von ihnen will niemand alleine sein, auch von ihnen will niemand das Dröhnen der Gefechte hören. Der melancholische Gesang über die Kraft ihrer Vorfahren vermischt sich mit den erneuten Attacken, die jetzt auch aus einem benachbarten Tal hinüberschallen. Wieder bleibt den Bewohnern Tacueyos nur eines: sich zusammenrotten und Angst teilen. Nach 30 Minuten sind die Gefechte vorbei, die Nacht hat ihre Stille wieder und die Dorfbewohner legen sich schlafen. Für sie ist es Normalität, es war nie anders.

Ein Bauer am Morgen nach den Gefechten
Ein Bauer am Morgen nach den Gefechten

Am nächsten Morgen diskutieren die Männer, warum die kolumbianische Armee in der Nacht keine starke Gegenattacke wagte. „Das war eine ruhige Nacht“, sagt auch Nelson. Wie alle denkt er an die schlimmen Wochen im Januar, denkt an den Tod Vickys, an die schlaflosen Nächte. Doch davon reden will an diesem Morgen niemand, schließlich ist heute Geburtstag des Widerstandes. Nelson wirkt nachdenklicher als am Vortag, er hat wie alle Angst, dass der Konflikt zurückkommt, dass wieder geschossen wird, Tag und Nacht, wochenlang. Trotzdem kann sich niemand vorstellen an einem anderen Ort zu leben: „Wenn es ganz schlimm ist, gehen wir für eine Weile zu Verwandten im nächsten Dorf, aber wir kommen immer wieder zurück, sobald es ruhiger wird“, erklären sie. „Das ist alles, was wir haben. Ein bisschen Land zum Bestellen. Unsere heiligen Orte sind hier, unsere Vorfahren leben noch in diesen Bergen“. Die spirituelle Verbundenheit mit ihrem traditionellen Territorium spielt eine große Rolle, doch es fehlen auch die Alternativen. Die Menschen können entweder die Realität des Krieges annehmen oder fliehen, um am Ende, wie die meisten der über 5 Millionen Binnenflüchtlinge in Kolumbien, in einem Slum der Großstädte zu landen.

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Kinder musizieren vor den Bergen Caucas

In der Scheune diskutieren die Teilnehmer mögliche Szenarien nach einem Friedensabkommen zwischen der Regierung und der FARC. Seit Jahren laufen die Verhandlungen und Präsident Santos hat erst vor kurzem die Wiederwahl mit dem Versprechen nach Frieden gewonnen. Nicht nur die Indigenen, auch ein großer Teil des kolumbianischen Volkes ist nach über 50 Jahren Bürgerkrieg den Konflikt leid. Doch hier in der Scheune wirken die Reden der Politiker weit weg. „Einen wirklichen Frieden wird unsere Generation nicht erleben“, ruft der oberste Lider der CRIC Eduardo Camayo den Zuhörern entgegen, „selbst mit einem Waffenstillstand zwischen FARC und der Regierung leben die Konflikte des Landes weiter. Die sozialen, die politischen, die wirtschaftlichen“. Er erklärt, dass er vielmehr davon ausgehe, dass sich die Situation sogar verschärfen könnte, denn die Kontrolle um wichtige Kokainrouten müsse neu sortiert werden. Alle im Raum wissen das. Umso mehr beeindruckt der Wille zum Dialog, der Wille zum Frieden und die Einsicht, dass dies, trotz all der Trauer, trotz der Abscheu vor den Morden und Massakern, nicht mit Waffen möglich ist. „Wir werden nie zu Waffen greifen“, sagt Nelson, „denn damit würden wir uns nur auf ihre Stufe begeben, dadurch würden wir selbst zu Akteuren des Konfliktes und trügen diesen immer weiter“. Es ist bereits dunkel und sein Blick verliert sich in den weiten, schwarzen Tälern seiner madre tierra, dem seit Jahrhunderten heiligem Land seines Stammes. Überall leuchten die grellen Lichter der Kokain- und Marihuanaplantagen. Alles ist voll von ihnen, die Hänge, die Täler, die Hügel. Das heilige Land der NASA ist zu einem der weltweit größten Kokainanbaugebiete geworden, zu einem Schauplatz von Gewalt und Gier. Die Menschen hier wissen, dass es schwer wird, ihren Lebensraum vollständig zurückzuerobern. Doch vielleicht wissen sie auch, dass sie trotz allem mit ihrer Beharrlichkeit, mit ihrem bedingungslos gewaltlosen und auf Argumenten basierenden Widerstand, dem ganzen Land einen Ausweg aus einem endlosen Konflikt aufzeigen könnten. Auch, wenn sie selbst nicht daran glauben wollen. „Der Frieden ist eine Illusion“, ruft Eduardo Camyo den Teilnehmern der Versammlung in Tacueyo entgegen und alle nicken.

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